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Graham Jarvis #1

Der Hardenduro-Gott im Exklusiv-Interview

"King of Hardenduro" Graham Jarvis (42): "Protektoren trage ich keine. Wenn ich stürze, weine ich eben!"

Graham, du hast 2017 AlèsTrêm, Hells Gate, Romaniacs, Minas Riders, Sea2Sky und Hixpania gewonnen. Gratulation. Wie geht’s?
Danke, mir geht’s gut. Alt wie immer. (lacht)

Du bist ja auch fünffacher Trial-Champion in den UK und hast die Scottish Six Days vier Mal gewonnen. Warum bist Du eigentlich ins Hardenduro-Lager gewechselt?
Das hat damit angefangen, dass ich beim Trial geschlagen wurde. Ich war fast 30 Jahre alt und die jungen Fahrer sind mir langsam gefährlich geworden. Es war genau der richtige Zeitpunkt aufzuhören. Dann bin ich zum Spaß ein paar lokale Endurorennen gefahren, zwei oder drei Extrem-Enduros waren auch dabei, wie Erzberg und Hells Gate. Mir hat’s gleich gefallen. Die klassischen Enduro-Bewerbe hätten mir zwar auch gefallen, aber ich musste mich natürlich auf den Extrem-Bereich fokussieren um damit mein täglich Brot zu verdienen.

Hat deine Husqvarna TE 300 schon die neue Zweitakt-Einspritzung?
Ich bin 2017 noch mit einem Vergaser-TE gestartet, weil ich nicht mitten in der Saison auf die Einspritzung wechseln wollte – da sind das Team und ich ohnehin schon nervlich angespannt. Aber jetzt sind die Tests abgeschlossen, und die EFI ist schon ein großer Schritt vorwärts. Ab 2018 wird das sicher fantastisch, die Einspritzung ist definitiv gut genug um damit Rennen zu gewinnen.

Was unterscheidet ein Serienfahrzeug von deinem Racebike?
Der Motor ist identisch mit dem Serienfahrzeug. Beim Fahrwerk vertraue ich auf eine WP Cone Valve Gabel und ein Trax Federbein, das speziell auf mich abgestimmt ist. Das bedeutet vorwiegend softere Federn. Allzu weich dürfen sie dennoch nicht sein, sonst bekommt man bei schnellen Passagen Probleme. Generell muss das Bike leicht zu fahren sein, und nicht speziell für ein Terrain abgestimmt. Wenn du neun Stunden auf der Husqvarna TE 300 stehst, sollte es schon so komfortabel wie nur irgendwie möglich sein.


Protektor-Teile für mein Bike verwende ich an den Bremsscheiben und an der Umlenkung der Schwinge. Die Umlenkung würde die Belastung zwar locker wegstecken, mit einem Linkage-Guard kann ich jedoch geschmeidiger über Baumstämme oder Felsen rutschen. Sonst fahre ich sogar mit Standard-Handguards, weil die ein wenig schlanker sind als die geschlossenen Alu-Modelle. Leider habe ich durch Pech so jedoch schon einmal den Bremszylinder demoliert. Selbst in Sachen Endübersetzung fahre ich die Standard-Kombination 13:50 – das ändere ich nichteinmal für den Erzberg-Prolog. Nur das Defektrisiko von Schläuchen in den Reifen kann ich nicht eingehen, ich habe bei jedem Rennen Mousse montiert.

Wieviele TE verschleißt Du jedes Jahr?
Weil ich in England lebe, habe ich dort ein eigenes Trainingsbike. Mein Racebike ist in Italien stationiert und geht von dort auf die Reise, daran ändern wir technisch während der Saison ohnehin kaum etwas. Abgesehen von intensiver Wartung natürlich, und mein Ersatzteil-Verschleiß ist auch recht beachtlich.

Wieso fährt kaum ein Top-Pilot eine 250er?
Für die Top-Piloten kann das Leistungsplus der 300 über den Sieg entscheiden, auf den steilen Auffahrten ist die Gangauswahl außerdem größer. Für Amateure ist die 250 genauso gut und in engen Passagen sogar leichter und schneller zu fahren. Im Husqvarna-Werksteam haben wir übrigens die freie Wahl ob wir 250 oder 300 fahren wollen, und ich mag die 250er wirklich. Aber die Vorteile der TE 300 beim Uphill überwiegen unterm Strich.

PDS oder Umlenkung – eine Frage, die die Enduristen spaltet...
Auf die Umlenkung würde ich ungern verzichten, sie ist wegen der minimalen Verzögerung beim Ausfedern fehlerverzeihender, stabiler und man muss auf Felsen weniger präzise fahren. Wie meine Ergebnisse beweisen, harmonieren Bike und Fahrer außerdem perfekt.

Jetzt mal ehrlich, welches ist wirklich das härteste Extremenduro-Rennen?
Je älter ich werde, desto härter werden für mich die Mehrtagesevents. Ich bin genauso fit wie früher, aber meine benötigte Erholungsphase zum Beispiel nach den Romaniacs wird einfach länger. Auch die einfacheren Rennen à la Erzberg, die nur 2 Stunden dauern, sind natürlich anstrengend, weil man pausenlos hundert Prozent ans Limit geht.

Was ist dein Lieblingsrennen, auf das Du Dich schon im Vorfeld freust?
Aktuell gar keines (grinst). Jedes davon bedeutet höchste Anstrengungen. Die ersten Stunden gehen ja noch, wenn man müde wird, spürt man die Schmerzen dann stärker. Aber das schönste, abwechslungsreichste Terrain hat für mich eindeutig die Romaniacs. Offen gesagt: während des Rennens kann man ohnehin nichts genießen, erst wenn’s vorbei ist und der Sieg errungen ist – oder man einfach nur nach der Strapaz das Ziel erreicht hat. Wettbewerbe sind eben anders als Freeriden mit Freunden, das einfach fantastisch ist. Dazu komme ich gelegentlich sogar, und ab und zu arbeite ich sogar als Tourguide und Fahrtechniktrainer überall auf der Welt. Ich bereise gerne neue Orte, mache Bekanntschaften, gehe Endurofahren und habe dabei Spaß. Großartige Stunden!

Nervt es Dich vom Publikum ständig nach einer Stunt-Show gefragt zu werden?
Ich fahre gerne Wheelies fürs Publikum, das macht mir nichts aus! Solange sie nicht nach einem Backflip fragen... „Showing off“ macht schon Spaß. Außerdem sind diese Tricks am flachen Parkplatz ein gutes Training, denn man braucht dazu alle Fähigkeiten wie Balance, Kupplungsgefühl, Gaskontrolle und so weiter, die man auch im Wettbewerb braucht.

Welche Fähigkeit muss ein Enduroprofi ganz besonders haben?
Definitv die wohldosierte Kupplungskontrolle. Das ist ausschlaggebend wie erfolgreich man sein kann. Ich fahre immer mit einem Finger auf dem Hebel, höchstens bei müden Armen auf einfachen Passagen kurz einmal mit zwei Fingern zum Ausruhen.

Wieso sind Extrem-Enduros so viel beliebter als das klassische Enduro?
Einerseits macht es den Leuten Spaß andere leiden und stürzen zu sehen. Andererseits können hier auch alle Amateure antreten und sich mit den Profis vergleichen, das geht in der Enduro-WM nicht.  Ich glaube aber nicht, dass man bei der Enduro-GP zwangsläufig am Holzweg ist – es wird einfach der Extremenduro-Sektor immer populärer. Wenn’s nach mir geht, sollte auch die Rallye Dakar ein Extrem-Rennen werden! Es muss ja nicht verrückt werden, aber ein paar mehr technisch anspruchsvolle Passagen...

Reizt Dich etwa ein Wechsel ins Rallye-Business?
Die Dakar würde ich schon ganz gerne einmal fahren. Auch wenn ich keine Chancen auf den Sieg hätte würde ich es gerne starten, nur um einmal sowas gemacht zu haben. Das wäre ein neues Abenteuer für mich und ich könnte wieder an neuen Orten Motorrad fahren.

Du scherzt gerne über Dein zartes Alter von 42 Jahren. Wann willst Du in Pension gehen?
Hey, ich bin immer noch jung und lerne von Tag zu Tag dazu! (grinst) Im Ernst, solange ich aufs Podium fahren kann und Spaß habe, bleibe ich dabei. Warum auch nicht!? Würde ich nur Vierter oder Fünfter werden, würde es mich wohl allzu sehr wurmen... Außerdem können höchstens sechs oder sieben Profi-Piloten vom Hardenduro-Sport leben, alle anderen brauchen einen Zweitjob.

Wie sieht Deine Vorbereitung auf die Rennen aus?
Aktuell habe ich kein Trial-Motorrad mehr. Ich gehe nur ins Fitnessstudio, wenn gerade keine Rennsaison ist. Sonst trainiere ich fast ausschließlich auf meiner TE.

Welcher Teil Deines Körpers wird am stärksten strapaziert?
Mein Rücken tut eigentlich immer weh. Aber das ist halt so, wenn man älter wird – egal ob man Enduro fährt oder nicht. Man muss damit leben lernen, und hie und da kann man sich ja ein paar Schmerzmittel einwerfen. Aber eben nicht täglich, sondern nur wenn’s nicht mehr anders geht. Ich habe leider keinen Physiotherapeuten rund um die Uhr zur Verfügung, nur wenn ich mal nach Hause nach England komme. Ich versuche einfach mich möglichst nicht zu verletzen.

Welche Protektoren trägst Du?
Ich fahre nur mit Knie-Orthesen von CTi. Körperprotektoren verwendet kaum ein Hardenduro-Profi, ich auch nicht. Sie schränken die Bewegungsfreiheit allzu sehr ein und es wird darunter einfach zu heiß. Wenn ich auf die Schnauze fliege, weine ich ganz einfach.

Hast Du einen Ernährungsplan?
Aus meiner Ernährung mache ich keine große Wissenschaft, ich versuche einfach ordentlich und gesund zu essen. Trinken während des Rennens dagegen ist schon sehr wichtig, während des Hare Scrambles am Erzberg zum Beispiel trinke ich fast drei Liter Elektrolyt-Getränk aus meinem Camel Back. Dazu ermahne ich mich während des Rennens ständig selbst. Wenn du dehydrierst, ist es vorbei.

Einige Deiner Videos auf Youtube haben schon fast 18 Millionen Views...
Das ist schon ein paar Jahre her, hat aber viel Spaß gemacht. Die direkte Verbindung mit den Fans durch diverse Social Media Plattformen ist großartig, und ich unterhalte die Leute auch gerne. Und natürlich ist es auch gut um im Gespräch zu bleiben. Ich werde wohl bald wieder ein paar coole Videos an interessanten Orten drehen. Vielleicht sollte ich schon mal über ein paar neue Tricks nachdenken. Aber es ist schwer einem alten Hund neue Tricks beizubringen.

Graham Jarvis (r., mit MM-Redakteur Clemens Kopecky) liest MOTORRADMAGAZIN. Graham Jarvis (r., mit MM-Redakteur Clemens Kopecky) liest MOTORRADMAGAZIN. "Aber nur, wenn ich drin vorkomme", lacht der Extremenduro-Gott.

Bildergalerie: Best of Graham Jarvis 2017

 
Alle 32 Bilder
Fotos: Husqvarna / Marco Campelli
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