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Clemens Kopecky
Autor: Clemens Kopecky
24.5.2018

Yamaha Niken 2018DREIFACH BESSER

Eines ist Yamahas neue Niken (japanisch: „zwei Schwerter“) ganz bestimmt nicht: everybody's darling. Denn an der ungewohnten Optik des Dreirades scheiden sich schon jetzt die Geister. Die Niken polarisiert so sehr, dass uns angesichts der exzessiven Unkenrufe auf unseren Social-Media-Plattformen beinahe die Worte fehlen. Wenn es um die Anzahl der Räder geht, sind Motorradfahrer offenbar gnadenlos konservativ: Drei sind eines zu viel.

Dass Yamahas Niken wohl tatsächlich keinen Schönheitspreis gewinnt, wollen wir auch gar nicht in Abrede stellen. Im Unterschied zur (verzweifelten) zwischenmenschlichen Partnersuche braucht man sich die Niken aber nicht einmal „schön saufen“ – wer sich zu einer neugierigen Probefahrt in den Sattel traut, wird sich das ungewohnte Konzept binnen weniger Kilometer ganz von alleine „schön fahren“. Denn in Sachen Fahrdynamik hat uns die Niken total aus den Socken gehauen. Hand aufs Herz: beim Anbremsen und bei der Kurvengeschwindigkeit ist die Niken dank ihres doppelten 15-Zoll-Vorderrades jedem Motorrad haushoch überlegen. Die Physik dahinter ist simpel und einleuchtend: zwei Vorderräder bieten deutlich mehr Seitenhalt als ein einzelnes. Taucht auf der anvisierten Linie plötzlich ein gemeiner Kanaldeckel, Rollsplitt, ein Ölfleck oder Bitumenstreifen auf, darf der Niken-Pilot sogar in voller Schräglage ganz entspannt bleiben – selbst wenn ein Rad über den rutschigen Störfaktor rollt und Haftung verliert, hält das 410 Millimeter entfernte, andere Rad nämlich souverän die Spur. Bis 45 Grad Schräglage sind mit der Niken problemlos möglich, beide Räder haben selbst dann noch soliden Asphaltkontakt, wenn der Fußraster schon längst markerschütternd über den Boden schraddelt.

Einerseits macht die Niken das Motorradfahren also schneller (durch höheres Tempo am Kurveneingang und im Radius), andererseits erhöht das Dreirad die Verkehrssicherheit maßgeblich (mehr Grip sogar bei schlechten Fahrbahnverhältnissen oder im Regen). Auch der Bremsweg verkürzt sich spürbar: muss vor einem Hinderniss ultrahart geankert werden, hebt zwar das Hinterrad ein wenig vom Boden ab, die doppelte Reifenauflagefläche samt der unfassbaren Stabilität und Sicherheit an der Front ermöglicht jedoch unvergleichlich scharfe Verzögerung – sogar in Schräglage. Abgesehen davon unterscheidet sich das Fahrgefühl auf der Niken rein subjektiv übrigens nicht nennenswert von einem konventionellen Motorrad – die deutlich schnelleren Kurvengeschwindigkeiten selbstverständlich ausgenommen. Die Niken lässt sich genauso leicht und neutral in Schräglage dirigieren und nach höchstens einem Kilometer hat man schon vergessen, dass man eigentlich auf einem Dreirad sitzt. Auch die Fahrzeugbreite spielt bei Überlandfahrten keine Rolle: der Lenker ist mit 885 Millimetern wie gewohnt die breiteste Stelle am Fahrzeug.

Erst beim Gewichtsvergleich muss die vollgetankt 263 Kilo schwere Niken ihre erste Niederlage einstecken: satte 70 Kilo bringt sie mehr auf die Waage als ihr „Organspender“, die Yamaha MT-09 – das Mehrgewicht macht sich aber nur beim Rangieren wirklich bemerkbar, und obendrein garantiert ein üppiger 18-Liter-Tank stattliche Reichweiten.

Die Sitzposition ähnelt erwartungsgemäß einer Tracer 900, der Fahrer wurde lediglich 50 Millimeter weiter hinten positioniert. So ist die Gewichtsverteilung zwischen den Vorderrädern und dem Hinterrad mit 75-Kilo-Pilot ziemlich exakt 50:50. Die Chassis-Dimension der Niken ist übrigens großteils gleich mit einer Yamaha Tracer 900 – die wuchtige Front samt der vier Kayaba-Gabelholme mit je 110 Millimetern Federweg täuscht optisch also.

Motorisch brauchen wir über die Niken nicht viele Worte verlieren: das 847-Kubik-Dreizylinder-Triebwerk mit maximal 115 PS und 88 Newtonmetern kennt man bereits aus der MT-09. Für das Dreirad adaptiert wurde die Abstimmung der Benzineinspritzung, die Haltbarkeit des Getriebes und die Endübersetzung (Kettenblatt 2 Zähne größer). Außerdem spendiert Yamaha dem seidigen CP3-Aggregat der Niken 18 Prozent mehr Schwungmasse als bei der MT-09. Im Unterschied zur „Zweirad“-Schwester hechtet die Niken kurbelwellen- und gewichtsbedingt beim Gasgeben zwar einen Hauch weniger giftig nach vorne, punktet jedoch mit optimierter Vibrations- und Lastwechselfreiheit. Wäre der Windschild ein wenig größer und ein Kofferset im Zubehörprogramm erhältlich, könnte man im bequemen Sattel der Niken auch tadellos zu ausgedehnten Motorrad-Reisen aufbrechen. Tempomat, Quickshifter (zum Hinaufschalten), 12-Volt-Steckdose und Anti-Hopping-Kupplung sind ohnehin schon an Bord, ABS, Traktionskontrolle (Stufen 1/2/Off) und D-Modes (1/2/3) für die Gasannahme ebenfalls.

Unser Fazit zur Niken nach der ersten 300-Kilometer-Testrunde fällt durchwegs positiv aus: man muss nicht zwangsläufig ein technikverliebter Nerd sein um die Vorteile der Niken schätzen zu wissen. Egal ob sportlicher Kurvenräuber oder sicherheitsbewusster Tourenfahrer, viel spricht für und – abgesehen von der eigenwilligen Optik – kaum etwas gegen zwei Vorderräder. Der Serviceaufwand der Frontaufhängung ist dank wartungsfreier Lager nicht größer als bei einem konventionellen Motorrad, und sogar auf Streusalz-Resistenz wurde von den Japanern bei der Niken höchsten Wert gelegt. Das "MT-09-Dreirad" bietet sich in milden Wintern daher wegen seines unvergleichlichen Vorderrad-Grips sogar als Ganzjahresfahrzeug an. Wer mutigen Innovationen offen gegenübersteht und sich auf eine Probefahrt einlässt, wird mit einem nie dagewesenen Gefühl von entspannter Sicherheit in Schräglage belohnt. Auf der Großglockner Hochalpenstraße konnten wir bereits zahlreiche ambitionierte Kurven-Duelle gegen Power-Naked-Bikes und Supersportler ganz locker zugunsten der Niken entscheiden. Analysiert man nüchtern die Fakten, bleibt kein Zweifel: auf Yamahas Niken kann man sowohl schneller als auch sicherer unterwegs sein als je zuvor mit einem Motorrad. Ob man bereit ist die gewöhnungsbedürftige Optik dafür in Kauf zu nehmen, muss dennoch jeder für sich selbst entscheiden. Wir vom Motorradmagazin halten es jedenfalls wie in der Formel-Eins: das schnellste Auto ist natürlich auch das schönste.

Motorrad Bildergalerie: Yamaha Niken

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