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Christoph Lentsch
Autor: Christoph Lentsch
31.12.2020

BMW R 18 gegen Harley Sport GlideZwei bärenstarke Typen

The Man in Black oder The King? McQueen oder Newman? Wayne oder Eastwood? Hill oder Spencer? Die Diskussionen um die perfekte Verkörperung eines coolen Kerls sind endlos und viel älter als der Begriff „Machismo“. Zugeschrieben werden dem überlegenen Mann – was nichts anderes heißt, als „vom eigenen Geschlecht verehrt, vom anderen vergöttert“ – Attribute wie Stärke, Souveränität und Einzigartigkeit. Letzteres ist von besonderer Wichtigkeit, denn coole Kerle dürfen keine Kopien sein, wenn sie archetypischen Legendenstatus erreichen wollen. Was für Menschen gilt, gilt auch für Maschinen.

Äquivalent zum coolen Typen steht seit über 100 Jahren Harley-Davidson symbolisch für den obersten Leitsatz, kompromisslos und konsequent seinen eigenen Weg im Leben zu gehen. Die Japaner versuchen heute kaum noch, der unangefochtenen Cruiser-Großmacht etwas entgegenzusetzen; nach dem Verschwinden von Victory bleibt nur noch Indian als breit aufgestellte Konkurrenz übrig. Grund genug für BMW, die Chance zu nutzen und die offene Stelle mit einem Neustart im Big-Bikes-Segment zu füllen. Natürlich nicht mit einem V2, sondern mit dem Boxermotor, der nicht als idealer Antrieb für ein Cruiser-Setup gilt, was vor allem an der alternativlosen Position der Fußrasten liegt.

Als Vorbild für die R 18 holte man nicht die R 1200 C aus dem Jahr 1997 aus dem Archiv, sondern grub viel tiefer und entstaubte Geschichtsbücher, besuchte Museen und studierte die eigene „Heritage“. Schon die erfolgreiche R-nineT-Palette, die auch ins EURO-5-Zeitalter gerettet wird, setzte dem Boxer ein Denkmal. Nun wurde man sich des Reichtums der eigenen Historie bewusst und entdeckte Farben und Formen fast hundert Jahre alter Klassiker. Genau genommen entdeckte man das typische tiefe Schwarz mit handgezogenen Linierungen, den tropfenförmigen Tank der R 5 und den geschwungenen Fishtail-Auspuff der R 7 (die nie in Serie ging) – und das zweifellos ungewöhnlichste Detail am ganzen Motorrad: eine offenliegende Kardanwelle, wie sie in den ersten Jahrzehnten der Marke verwendet wurde.

Den Fehler, einen zu kleinen Motor einzusetzen, wollte man kein zweites Mal machen, weshalb man einen neuen entwickelte. Der luft-/ölgekühlte Big Boxer liegt mit 1802 Kubik ziemlich in der Mitte von Harleys 107er- und 114er-Milwaukee-Eight-Aggregaten, leistet mit 91 PS um acht PS mehr als der kleinere und um zwei PS weniger als der größere. Nur beim Drehmoment übertrumpft das bayrische Powerhouse sogar den 1868 Kubik großen Ami-V2: 158 Newtonmeter geben die Münchener an, wobei zwischen 2000 und 4000 Touren immer über 150 Newtonmeter anstehen sollen.

Ordentlich eingeschenkt hat man auch beim Gewicht: 345 Kilogramm bringt das 2,44 Meter lange Motorrad auf die Waage. Kein Modell aus Harleys aktueller Cruiser-Palette ist so schwer – und so lang. Die von uns getestete Sport Glide ist um 28 Kilo leichter, die Softail Slim gar um 41. Mögliche Konkurrenzmodelle gibt es nämlich nicht nur eines. Sie sind bei den Cruisern wie bei den Tourern zu finden, während BMW mit der R 18 nur eine Basis für weitere, auch reisetaugliche Mutationen verwendet, wie die unlängst präsentierte „Classic“. Ein hohes Gewicht wird im Heavy-Metal-Segment nicht unbedingt als Nachteil gewertet. Vor allem dann nicht, wenn es aus der Abwesenheit von billigem Plastik resultiert.

Mit dem Qualitätssiegel „BERLIN BUILT“, zu lesen im runden Tachometergehäuse unter dem kleinen LCD-Fenster, hat sich BMW den fundamentalen Werten einer Manufaktur verschrieben. Entsprechend hoch ist deshalb auch die Verarbeitungsqualität, wobei man nicht vergessen darf, dass die limitierte First Edition schon reichlich chromiert aufgeputzt daherkommt. Dagegen vermisst man bei Harley die Liebe zum Detail und muss sich auf das unerschöpfliche Angebot an Zubehör verlassen, an dem sich ohnehin fast jeder Kunde bedient. Einerseits, um sein Motorrad zu individualisieren, andererseits, um etwaige Schönheitsfehler zu korrigieren.

Das Schaulaufen entscheidet die BMW also eindeutig für sich und auch die Aussicht für den Piloten ist unschlagbar: Die mächtigen, gerippten Zylinder mit spiegelnden Stößelstangen und Seitendeckeln, die sich unter dem 16-Liter-Tank ausbreiten, bieten dem Fahrer eine Kulisse, die ihn fast den Blick auf die Straße vergessen lässt. Dafür offeriert die wandelbare Harley die Möglichkeit, Windschild und Seitenkoffer ohne Werkzeug und in Sekundenschnelle abzunehmen.

Ein unkompliziertes System, das sich andere Hersteller gerne als Vorbild nehmen können. Gestrippt schaut die Sport Glide der R 18 dann schon recht ähnlich, nur ist sie nicht nur leichter, sondern auch kompakter, mit steilerem Lenkkopfwinkel und um 106 Millimeter kürzerem Radstand. Sie wirkt fast gedrungen, wenn man direkt auf sie umsteigt. Trotzdem genießt man mehr Komfort, denn der Sitz der Sport Glide ist wegen seiner fetteren Füllung und einer ergonomisch klügeren Form bequemer als jener der BMW.

Die stärkere Polsterung freut zwar auch das empfindliche Gesäß der Begleitung, doch beklagte unsere Sozia die nach hinten abfallende Sitzfläche. Der Lenker steht näher beim Fahrer, während man die Füße ganz entspannt auf den Rasten am Bug (die auch mehr Schräglage zulassen) abstellen kann, was bei der BMW konstruktionsbedingt nicht möglich ist. Auf ihr hockt man wie auf einem Sessel, die Füße etwas beengt unter die Zylinder gesteckt. Auf der linken Seite kann es sogar passieren, dass man beim Runterschalten statt des Schalthebels den Schaft des eingeklappten Seitenständers erwischt und sich wundert, dass der Gang nicht wechselt. Zwei über den Zylindern montierte hitze-isolierte Schalen sollen es bald möglich machen, auf längeren Etappen die Beine nach vorne auszustrecken.

Per Keyless-Go zum Leben erweckt, holt keines der beiden Triebwerke die Oma aus dem Schlaf. Auch wenn es der BMW beim Starten den typischen Schlag zur Seite gibt, macht die Harley im Stand etwas mehr Eindruck, der Motor klingt größer und potenter, wie der eines amerikanischen Muscle-Cars. Die bescheiden verarbeitete Auspuffanlage muss aber trotzdem schon aus optischen Gründen getauscht werden. Und auch wenn manche behaupten, laut wäre out, braucht so ein Motorrad auf jeden Fall mehr Bass.

Am Boxer ist das Klackern der Ventile dominanter als der Motor selbst. Die beiden Schwergewichte rollen mit knapp vierstelliger Drehzahl an, zeigen sich ab 2000 Touren von ihrer besten Seite und mahnen ab 4000 zum Gangwechsel. Besonders der Boxermotor entwickelt beim Hochdrehen Vibrationen, die er über Lenker und Sitz an den Fahrer weitergibt und dieser als störend empfinden kann.

Entgegen unserer Erwartungen kann sich die BMW nicht vor die Harley setzen. Egal ob im vierten, fünften oder sechsten Gang, die beiden Loks liefern sich beim Durchzug ein fast millimetergenaues Kopf-an-Kopf-Rennen, obwohl der Boxer um acht PS und 13 Newtonmeter mehr liefert. Erst über eine längere Distanz kann sich die BMW langsam vorschieben. Von der Ampel weg zählt sowieso nur, wie gut jemand mit Gas und Kupplung umgehen kann. Wer den Grip des 180er-Hinterreifens einmal überfordert, wird nur auf der BMW von einer Traktionskontrolle unterstützt, die sich bei Bedarf abschalten lässt.

Während die R 18 mit mehr Stabilität und einem feiner ansprechenden Fahrwerk ein souveränes, sehr ausgewogenes Fahrgefühl vermittelt, gibt sich die Sport Glide im Winkelwerk mit ihrer strammeren Geometrie und einem 18-Zoll-Vorderrad beweglicher und leichter zu fahren. Sie überrascht zudem mit einer gut ansprechenden Bremse und einer sehr ordentlichen Bremsleistung, während das Teilintegral unterstützte System der BMW nach viel mehr Kraft am Hebel verlangt und nicht den festen Biss der Harley bieten kann.

Schließlich fällt mit der Sport Glide das Umkehren und Rangieren leichter. Bei der R 18 waren wir froh über die aufpreispflichte und empfindlich teure Rückfahrhilfe, die über einen Kippschalter an der linken Seite aktiviert und über den Startknopf reguliert wird. Sehr würdevoll ist das von einem gequälten Surren begleitete Rückwärtskriechen allerdings nicht.

Die Deutschen haben vieles richtig gemacht: Sie haben Inspiration in ihrer eigenen Geschichte gesucht und nicht in der amerikanischen. Sie haben groß gedacht und detailliert gearbeitet. Sie haben sich mit Optik, Technik und Qualität von der Konkurrenz abgehoben. Und sie liefern ab Verkaufsstart genügend Zubehör, um der betuchten Kundschaft die gebotene Freiheit zur individuellen Entfaltung geben zu können.

Aber ist das genug, um das Monster aus Milwaukee herauszufordern? Vielleicht ist es zu früh, um diese Frage zu stellen. Aber BMW kämpft nicht nur gegen eine Sport Glide, Softail Slim oder Road King, sondern gegen viel mehr.

Denn Harley ist eine der größten Grätschen in der Markenentwicklung gelungen: Ein strahlender Stern in der Popkultur (d.h. der wahrscheinlich bekannteste Name außerhalb der Motorradwelt) zu werden, ohne die Glaubwürdigkeit in der Subkultur zu verlieren. Obwohl man gerade einiges versucht, um Zweiteres – nicht zum ersten Mal – zu beschädigen. Man könnte die beiden Bikes nicht nur mit coolen Kerlen, sondern auch mit deren Kleidung vergleichen.

Die R 18 ist wie ein paar schwarze Jeans: handgewoben, aus bestem Raw Denim und mit einzigartigen Details. Verdammt cool, absolut original und für eine Ewigkeit gemacht. Aber Harley ist halt ein Paar Blue Jeans. 

IM HÄRTETEST: TOURING-BEKLEIDUNG VON HARLEY-DAVIDSON

Eine völlig neue Tourenkollektion brachte Harley unter dem Kürzel FXRG zur Saisonbeginn 2019 auf den Markt; zum gleichen Zeitpunkt starteten wir damit in einen Härtetest. Die Jacke (Triple Vent Waterproof Riding Jacket) und die dazu passende Hose (Waterproof Overpant) sind mit einer laminierten Membran von Schoeller ausgestattet und daher wasserdicht. Wirklich lässig: Für eine Kombi dieser Machart sind die Teile außergewöhnlich leicht und dünn, dazu dank extrem vieler und schlau angebrachter Belüftungs-Zipps auch herrlich luftig im Sommer. Die dünne Konstruktion bedingt allerdings, dass man bei kälteren Temperaturen darunter noch weitere Schichten tragen muss.

Harley bietet daher in der gleichen Serie auch einen Mid-Layer von Thinsulate an (mit federloser „Daune“ im Brust- und Rückenbereich und Stretch Fleece an den übrigen Stellen) sowie ein zweiteiliges Base-Layer, das von X-Bionic zugeliefert wird. Diese drei aufeinander abgestimmten Schichten wirken ideal und machen auch Ausfahrten bei 10 Grad behaglich. Die Kehrseite: Kauft man einmal alles plus den nicht inkludierten Rückenprotektor, dann ist man rund zwei Tausender los.

Weitere Handicaps: Der Schnitt der Hose ist leider zu kurz an den Beinen, zu lang im Schritt. Und obwohl die gesamte Kombi sehr, sehr gut verarbeitet wirkt (wird von Dainese gefertigt), ist uns nach eineinhalb Jahren die Laschenhalterung vom Front-Reißverschluss gebrochen, was einem Totalschaden gleichkommt. Das darf in dieser Preisklasse nicht passieren. Noch ein Wort zum Helm: der FXRG Renegade-V entspricht dem gleichnamigen Modell von Arai und ist uneingeschränkt zu empfehlen: der Idealfall eines sportlichen Tourenhelms. Man muss aber schnell zugreifen, das Modell wird leider aus dem Programm genommen, es sind nur mehr Restbestände verfügbar. Schö

Preise Harley-Bekleidung:
FXRG Triple Vent WP Riding Jacket ab 753,50 Euro, FXRG WP Overpant ab 627 Euro, FXRG Thinsulate Mid-Layer ab 251 Euro, FXRG Base-Layer Shirt/Pant ab 115,80/103 Euro, FXRG Renegade-V Helm 632,50 Euro.

IM HÄRTETEST: VINTAGE-BEKLEIDUNG VON BMW

Von Kopf bis Fuß in BMW gekleidet. Beginnen wir zu ebener Erde: Der „PureShifter“ ist ein klassischer, rahmengenähter Schnürstiefel mit umfangreicher Sicherheitsausstattung. Die stark profilierte Vibram-Sohle ist nicht nur rutschfest, sondern auch Öl- und Benzin-resistent. Im Zehenbereich wurde beidseitig ein Schaltschutz aufgenäht, wohl um die Symmetrie zu wahren. Viele Nähte sind doppelt und sogar dreifach ausgeführt. Zudem ist das Rindsleder von hoher Festigkeit und Stärke, weshalb man den Stiefel je nach Fußform nicht ganz schmerzfrei eintragen muss – danach sitzt er aber wie angegossen und ist absolut freizeittauglich. Ich würde empfehlen, das Leder zu imprägnieren, oder noch besser einzufetten, damit es nicht nur wasserfest, sondern auch weicher wird.

Das figurbetont geschnittene Denim-Duo „RoadCrafted“ aus abriebfestem Gewebe ist mit kaum sichtbaren Flex-Protektoren an Schultern und Ellenbogen ausgerüstet, ein Rückenprotektor ist nachrüstbar. In vier Außen- und zwei verschließbaren Innentaschen findet alles Platz, was man auch beim Motorradfahren nicht vermissen möchte. Bei einer Körperlänge von 1.80 Meter und einem Gewicht von 74 Kilo trage ich die Jeans in 30/34 und die Jacke in Größe L. Die Hose ist so lang genug, um auch im Sitzen an den Beinen nicht hochzurutschen. BMW bietet übrigens auch eigene Größen für besonders schlanke oder stärker gebaute Fahrer an. Bei mir sitzen die Teile nahezu perfekt, nur die sperrigen Zipps nerven ziemlich. Für Damen gibt es diese Kombi übrigens nur in Schwarz. In dieser Farbe trage ich auch den Helm „Bowler“, der für einen offenen Vintage-Helm zwar hochwertig verarbeitet und überdurchschnittlich komfortabel daherkommt, aber auch einen gehobenen Preis hat. Dafür gibt’s 5 Jahre Gewährleistung.

Preise BMW Bekleidung:
Stiefel PureShifter 349 Euro, Jacke RoadCrafted 499 Euro, Jeanshose RoadCrafted 390 Euro, Helm Bowler ab 379 Euro

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14.4.2021

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