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Christoph Lentsch
Autor: Christoph Lentsch
28.7.2022

Wheels and Waves 2022Surfs up

Vor 10 Jahren fand das Wheels&Waves-Festival in Biarritz zum ersten Mal statt. Ein Treffen unter Freunden, zu dem der Motorradclub „Southsiders“ geladen hatte, mit großer Leidenschaft, aber ohne große Pläne. Die Besucherzahl: unter 100. Ein Jahr später war sie vierstellig, dann fünfstellig; und heuer waren es noch einmal mehr.

Das Event hat sich auf vier Standorte und fünf Tage ausgedehnt, eröffnet mit dem traditionellen „Punk’s Peak“, einem 400 Meter langen Rennen auf den Mont Jaizkibel für Oldtimer, Custombikes und skurrile Zweiräder, wie man sie sonst nicht fahren sieht, geschweige denn ein Rennen. Vor sechs Jahren brannte hier im dichten Nebel eine originale Brough Superior von 1924 im Wert von 100.000 Euro ab. Alleine hier standen 128 Fahrer am Start. 

Das Hauptgelände des bunten Treibens liegt seit jeher auf dem Cité de l’Oceán direkt am Meer, wo individuelle Motorrad- und Surfkultur geographisch und kulturell miteinander verschmelzen. Wer als junger oder jung gebliebener und naturverbundener Mensch in Biarritz lebt oder urlaubt, der kann nicht nicht surfen, der kann nicht nicht den frischen Atem des Meeres lieben und der kann nicht 22 Uhr als universal zwingenden Zapfenstreich akzeptieren.

Letzteres führte zunehmend zu Konflikten mit dem anderen, überwiegenden Teil des Urlaubsvolks, gekleidet in pastellfarbenen Markenpolos, viel zu kurzen Shorts und Bootsschuhen. Damit die zahlungskräftige Klientel nicht verärgert wird und in Zukunft lieber an die Côte d'Azur reist, hat die Stadt den Zugang zum Zentrum erschwert, überall sind die Boller aus- und die Schranken runtergefahren, man möchte den Feierlärm möglichst klein und kurz halten.

Ganz gelingt das zum Glück noch nicht, aber die Zwei-Uhr-morgens-Dragster-Burnouts direkt an der Kreuzung vor der Bar, wie wir sie bei unserem letzten Besuch erlebt haben, sind lange Geschichte und werden wohl auch nicht wiederkommen. Deshalb verdichten sich Gerüchte, wonach zumindest der Hauptbereich ins nahe gelegene San Sebastian im Nachbarland verlegt werden könnte. 

Das Fest hat eine Größe und Bekanntheit erlangt, wo es wuchert und wabert, sich ständig anpassen und auf äußere Einflüsse und Kritik reagieren muss. Dass es bereits zu groß und kommerziell geworden sein soll, hörten wir schon bei unserem ersten Besuch 2015. Die Anzahl der Militärzelte, in denen alle Aussteller – ob internationale Motorradmarke, Bekleidungsstore oder Tattoostudio – untergebracht sind, scheint sich seither nochmal verdoppelt zu haben, Platz für Erweiterung ist hier nicht mehr.

Die Hauptsponsoren Indian und Breitling tun sich mit einem eigenen Sektor beziehungsweise auffälligen Messestand hervor, ganz demokratisch lief es hier wohl zuletzt 2012. Apropos Demokratie: Unser Reiseleiter Honda zwängte sich dagegen in eins der Zelte und zeigt zehn der besten Umbauten auf Rebel-Basis, aus denen auf hondacustoms.com der beste gewählt werden kann. Um die verschiedenen Veranstaltungsorte auch im zähen Verkehr möglichst unkompliziert und schnell besuchen zu können, durften wir ebenfalls 500er- und 1100-er-Rebellen – diesfalls im Serienzustad - nutzen.

Davor musste ich mich aber noch bei den zahlreichen, ausnahmslos mit Qualitätsware bestückten Bekleidungsshops neu einkleiden, weil im Streik-Chaos am Pariser Flughafen mein Gepäck verloren gegangen sein dürfte, obwohl ich weniger an einen Verlust, als an eine Veruntreuung glaube, der Koffer wurde bei seiner Ankunft nämlich nicht einmal registriert.

Egal, oder auch nicht, aber hier braucht man nicht mehr als seine Motorradkleidung und von Zeit zu Zeit vielleicht ein paar neue Unterhosen. Ein schneeweisses Hemd sollte man ohnehin nicht tragen, wenn man beim El-Rollo-Flattrack-Rennen in einer Staubwolke verschwindet, aus der sich erst lange nach der Zielflagge das Bild vom Ausgang des Rennens löst.

Gestartet wird vor allem mit klassischen Dirt- und Flattrackern der Marken Honda, Husqvarna, Ossa etc., aber auch mit Harleys aus den Vierzigern und sogar Elektrobikes. Die Zukunft ist hier nicht gänzlich Feind, irgendwie muss Motorradfahren ja weitergehen.

Nachdem wir beim „Artride“ in der feinsten Skatehalle, die ich je gesehen habe, bei einer Stille wie in einem Museum noch einen Blick auf kreative Motorrad-/Surf-/Skate-kunst geworfen haben, lassen wir den Abend in einem der reizenden Café-Bars ausklingen. Natürlich ganz zivilisiert, allerdings ohne Pastell-Polo.

Am nächsten Tage erkundeten wir mit dem Rebels einen kleinen Teil der Pyrenäen, einer der wohl schönsten Motorraddestinationen der Welt. Die Höhe der sattgrünen Berge ist moderat, die Größe einer Adlers, der direkt vor uns in einer Kurve an uns vorbeizieht, eher nicht. Wir kreuzen mehrmals die Grenze zwischen Frankreich und Spanien, ohne es zu merken und genießen schier unendliche Kurvenstraßen mit feinstem Asphalt.

Mit anderen Cruisern hätte man hier viel unversucht lassen müssen, mit den Rebels nicht, ihre Dynamik ist immer wieder gleichermaßen erstaunlich wie erfreulich. Am Ende des Tages steht fest: Man kann in Biarritz auch nicht nicht Motorrad fahren.

So viel man rund um das Festival erleben kann, der Dreh- und Angelpunkt sind das Hauptgelände und die Stadt, die sich etwas voneinander entfernt zu haben scheinen. Schade. Denn das wahre Schauspiel – und das im besten aller Sinne – sind die Menschen und deren Motorräder, die man in freier Wildbahn kaum zu Gesicht bekommt, was vor allem an deren technischem Zustand liegt.

Wohin auch immer das Wheels&Waves weiterziehen wird, wir werden mitziehen und Biarritz ein wenig vermissen, aber nicht so sehr wie Biarritz uns vermissen wird. Und ich meinen Koffer.

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