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Peter Schönlaub
Autor: Peter Schönlaub
peter.schoenlaub@motorrad-magazin.at
21.4.2021

Traumberuf Testfahrer?Ein Profi aus der KTM-Erprobung erzählt

Der Kilometerfresser

Er fährt, wenn andere zuhause bleiben. Er fährt weiter, wenn andere längst Pause machen. Er fährt durchschnittlich 330 Kilometer – an jedem einzelnen Tag im Jahr: Thomas Mitterer, 48, arbeitet seit 2016 als Testfahrer für KTM, zunächst neben seinem Hauptberuf in der Gastronomie. Ein Jahr später hängte der Kärntner aus Bodensdorf am Ossiachersee seinen ursprünglichen Job an den Nagel und ist seitdem hauptberuflich für die orangefarbene Entwicklungsabteilung unterwegs – bei Wind und Wetter, Sturm, Regen und manchmal sogar im Schnee.

Im Motorradmagazin-Interview plaudert „Marathomy“ über sein Leben und seine Erlebnisse.

Kommen wir gleich zum Eingemachten: Wie viele Kilometer fährst du im Jahr?

Zwischen 100.000 und 120.000.

Umgerechnet heißt das, du musst an jedem Tag im Jahr ca. 330 Kilometer fahren. Und wenn du einen Tag auslässt, musst du am nächsten 660 Kilometer fahren …

Genau. Wobei ich darauf achte, dass ich nur fünf, maximal sechs Tage pro Woche fahre, damit mir noch Zeit für die Familie bleibt.

Wie sieht ein normaler Fahrtag aus?

Das Tagesziel beträgt über 500 Kilometer, die wir möglichst praxisnah absolvieren sollen. Ich beginne meistens um 8 Uhr und lege die Fahrt so an, dass ich um 18 Uhr wieder zu Hause bin. ­Außer natürlich, es sind Nachtfahrten vorgegeben, beispielsweise, um Scheinwerfer zu testen.

Du musst also bei jeder Witterung, bei jeder Temperatur fahren?

Wir müssen nicht fahren, wenn die Witterung extrem schlecht ist, aber wir schauen natürlich, dass wir gut ausgerüstet sind, die Tests voranbringen und fahren bei minus 3 Grad genauso wie bei plus 35 Grad.

 Und bei Regen natürlich auch …

Klar, bei Regen und manchmal auch bei Schnee. Ich hatte schon drei Zentimeter Schnee auf dem Soziussitz, als ich mich an einer Tankstelle kurz aufwärmen war.

Und in der härtesten Winterzeit?

Wir testen die Motorräder solange es geht in Österreich; wenn es die Witterung nicht mehr zulässt, dann weicht KTM nach Spanien aus und spult dann das Dauerlaufprogramm dort ab.

Wie viele Monate bist du dann in Spanien?

In etwa von Mitte November bis Mitte April, unterbrochen von kurzen Aufenthalten in der Heimat – meistens alle fünf Wochen für eine Woche.

Fährst du alle Arten von Motorrädern oder bist du auf gewisse Segmente spezialisiert?

Wir testen das komplette Straßen­modellprogramm von KTM und Husqvarna, von einer 125 Duke bis zur 1290 Super Duke R. Offroadtests werden gesondert durchgeführt.

Du sprichst oft in der Mehrzahl, wie groß ist das Testteam?

Wir sind rund zehn hauptberufliche Testfahrer und weitere 80, 90 Kollegen, die den Job neben ihrer Arbeit oder in der Pension ausüben.

Was ist deine Hauptaufgabe, du bist ja kein Entwicklungs- oder Abstimmungstester …?

Wir testen seriennahe Motorräder, die in absehbarer Zeit auf den Markt kommen, auf die Dauerhaltbarkeit ihrer Komponenten: Motor, Getriebe, Anbau­teile, Chassis, Verkleidung, das geht bis zur Lichtechtheit der Verkleidungsteile. Wir überprüfen, dass all das über die veranschlagte Fahrzeug-Lebensdauer hält, und wenn unsere Abteilung ihr Okay gibt, dann geht das Motorrad in die Serienproduktion. 

Überprüft ihr auch die Qualität von ­Serienmodellen?

Ja, es werden auch immer wieder Modelle aus der laufenden Produktion entnommen, die wir dann kritisch überprüfen, um sicherzustellen, dass die Qualität passt.

Ihr fahrt also zigtausende Kilometer pro Motorrad. Absolvierst du die gesamte Strecke?

Nein, im Gegenteil, es ist das Ziel, dass möglichst viele verschiedene Testfahrer auf einem Motorrad ­sitzen, damit die Ingenieure eine Vielfalt an Eindrücken bekommen – von jüngeren und älteren, schlankeren und festeren, größeren und kleineren Testfahrern. Damit wird ein breiteres Spektrum abgedeckt und man erkennt, was das Motorrad kann und wie das Motorrad auf unterschiedliche Fahrertypen reagiert – und umgekehrt. 

Hast du eine Vorgabe, wie deine Teststrecke aussehen muss?

Im Gegensatz zu anderen Firmen dürfen wir als Testfahrer bei KTM noch frei entscheiden, wohin wir fahren – im Rahmen des uns vorgegebenen Fahrprofils. Das sieht vor, dass wir das Motorrad möglichst praxisnah und praxisgerecht bewegen, vielleicht etwas flotter als die meisten Kunden, aber nicht nur auf der Autobahn oder nicht nur in der Stadt, sondern in einem bunten Mix, angepasst an das jeweilige Modell. Eine Reiseenduro wird beispielsweise eher über längere Distanzen bewegt, auch mit Sozius, eine 125 Duke eher in der Stadt und auf kürzeren Distanzen.

Wie musst du Fahrten dokumentieren?

Wir dokumentieren jeden Tag, wie viel wir gefahren sind und wann wir wie viel getankt haben. Wenn Spezialtests anliegen, dokumentieren wir auch die Straßen, die wir gefahren sind, etwa Höhentests oder Wasserdurchfahrten. Sonst muss die Strecke nicht auf­gezeichnet werden, aber ich tracke sie privat immer mit, um später zu wissen, wo ich war.

Wie laufen Höhentests ab?

Das ist ein spezielles Testprozedere für Motorräder, die im Hochgebirge bewegt werden, etwa Reiseenduros, mit denen man auf die Großglockner-Hochalpenstraße oder in die französischen Seealpen fährt. Hier checken wir, wie die Gemischaufbereitung funktioniert, wie das Motorrad reagiert, wenn der Luftdruck fällt, ob Leistungseinbrü­che wahrnehmbar sind und ob die Sensorik so fein ist, dass sie das erkennt und gegensteuert. Wir machen diese Tests, damit der Käufer dann am Berg keine bösen Überraschungen erlebt.

Welche Voraussetzungen muss man für den Beruf des Testfahrers mitbringen?

Ganz klar: Leidenschaft fürs Motorradfahren. Man muss auch ein wenig leidensfähig sein. Dazu sollte man ­ordentlich Motorrad fahren können, aber so richtig lernt man es dann ohnehin erst in diesem Beruf. Das Fahrkönnen eines Testfahrers entwickelt sich relativ steil nach oben, weil man durch das viele Unterwegssein extrem viel Übung bekommt – das ist mit normalem Fahren nicht vergleichbar. Außerdem muss jeder Testfahrer ein mehrstufiges Aufbauprogramm in der KTM Riders Academy durchlaufen.

Man muss also kein Superprofi sein, um zu beginnen?

Wir hatten im Team natürlich auch schon Enduro-Europameister, IDM-Fahrer – wir haben aber auch ganz normale Motorradfahrer dabei, zu ­denen auch ich mich zähle.

Wie oft hörst du, dass du als Testfahrer ­einen Traumjob hast?

(Lacht.) Bei jeder Tankstelle, bei jeder Polizeikontrolle, bei jedem Gespräch, wo die Rede auf den Beruf kommt. Diese ­Ansicht wird aber spätestens nach dem zweiten Satz wieder zurückgezogen. Wenn der- oder diejenige bedenkt, dass wir bei Sauwetter auch fahren müssen oder sollten, dann relativiert sich der Traumberuf rasch.

Das kann sich jeder Motorradfahrer vorstellen: Drei Tage jeweils 550 Kilometer können lustig sein, nach zwei Wochen wird’s zwischendurch wahrscheinlich langweilig. Wie motivierst du dich dann?

Da wir bei KTM eine so große Modellpalette haben, ist das Fahren immer abwechslungsreich. Gleiche Straßen fühlen sich mit unterschiedlichen ­Motorrädern anders an: Die Nockalmstraße auf einer 125 Duke wirkt anders als mit einer 1290 Super Duke R. Und dann gibt’s ja auch noch die je nach Jahreszeit unterschiedlichen Eindrücke, deswegen ist es für mich immer noch sehr kurzweilig.

Gibt es trotzdem Tage, wo du lieber auf der Couch bleiben würdest?

Meine Erfahrung, ganz ehrlich: Von den 120.000 Kilometern im Jahr macht ein Drittel richtig Spaß, ein Drittel ist normales Fahren und ein Drittel ist Mittel zum Zweck, bei dem man sich freut, endlich aus dem Sattel steigen zu können.

Auf deinen langen Distanzen gab’s sicher reihenweise kuriose Ereignisse.

Es kommen jeden Tag neue kuriose ­Ereignisse dazu: verlorene Salatkisten von einem Lkw, ein Eisenschweller, der auf der Straße liegt, ein Pick-up, der ohne dich zu beachten deinen Weg kreuzt und in einen Parkplatz biegt. Da zeigt sich immer wieder: Der Einzige, dem du im Straßenverkehr vertrauen kannst, bist du selbst. Geh davon aus, dass dich niemand sieht, und schau weit voraus, so fährst du am sichersten.

Gab’s trotzdem schon Unfälle?

2017 hat mich ein Autofahrer im Ortsgebiet übersehen und ist vor mir eingebogen – da bin ich über die Motorhaube gesegelt. Sonst ein Ausrutscher auf einer Dieselspur im Kreisverkehr, das war’s zum Glück.

Stichwort vorausschauen: Wie viele Strafmandate gibt’s pro Jahr?

Zweimal 35 Euro waren bislang der Jahresrekord. Ich habe ein ganz gutes Verhältnis zur Rennleitung und bin auch kein Raser. Ich fahre flott, aber es gibt Regeln, die einzuhalten sind, deswegen ergeben sich auch kaum Probleme mit der Exekutive.

Du nützt deine Kilometerfresserei auch, um Bekleidung zu testen. Wie sieht der Kleiderschrank eines Testfahrers aus?

Bei mir ist er sicher außergewöhnlich, da ich das Glück habe, für mehrere Hersteller auch Bekleidung testen zu dürfen. Zehn Garnituren hängen bei mir zu Hause fast immer im Schrank, dazu acht Helme und dementsprechend viele Stiefel. Ich fahre ja auch von der Rennstrecke über leichte Enduro-Etappen bis hin zur Straße alles, da braucht man für jeden Einsatzzweck das entsprechende Gewand. Und natürlich auch für alle Temperaturbereiche.

Kannst du den Beruf weiterempfehlen?

Jeder, der Benzin im Blut hat und sich denkt, Motorradfahren ist cool, dem kann ich den Beruf ans Herz legen – wenn man sich auch bewusst macht, dass man neben der gewonnenen Freiheit auch viele Abstriche in Kauf nehmen muss.

Dazu gehört auch, dass du bei Testaufenthalten in Spanien lange von der Familie getrennt bist …

Ich habe zum Glück eine sehr orange eingefärbte Familie, mein Sohn arbeitet nebenbei als Testfahrer für KTM und meine Frau macht Soziustests, beide kommen daher im Winter zeitweise nach Spanien und arbeiten dann auch mit mir zusammen. So wird die Zeit ein wenig überbrückt.

Weißt du zufällig, wie viele Kilometer du seit 2016 für KTM gefahren bist?

Ja, ganz genau sogar: 462.000 Kilometer. Ich bin ein kleiner Monk, ich schreibe immer mit, deswegen habe ich solche Zahlen parat – wie viele Kilometer mit Sozius, wie viele auf der Rennstrecke, wie viele privat. Daraus ergeben sich interessante Statistiken.

Hast du noch Wünsche an die berufliche Zukunft?

Die wichtigsten Wünsche betreffen das Sitzenbleiben, dass der Gegen­verkehr auf seiner Seite bleibt und dass ich am Abend gemeinsam mit der Familie essen kann.      

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