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Christoph Lentsch
Autor: Mag. (FH) Christoph Lentsch
christoph.lentsch@motorrad-magazin.at
8.6.2021

Honda SH350i 2021 TestTemposünder

Text: Clemens Kopecky, Fotos: Andreas Riedmann

In Zeiten von dick aufgetragenen Werbeversprechen und überhübschter Instagram-Selbstinszenierung wird mit Eigenlob weniger gespart als je zuvor. Heutzutage hält man es mit dem für seine geschliffenen Kampfansagen bekannten Profiboxer Muhammad Ali, der über sich selbst sagte: „Es ist schwer, bescheiden zu sein, wenn man so großartig ist wie ich.“ 

Dass Bescheidenheit eigentlich eine Zier ist, daran scheint höchstens noch das 1948 gegründete, japanischen Traditionsunternehmen Honda festzuhalten. Das lässt zumindest die im Zulassungsschein des neuen SH350i angegebene Maximalgeschwindigkeit von 136 km/h vermuten. Wer nämlich guten Gewissens die Autobahn entert und frei von Angst vor einer Temposünde dem 330-Kubik-Einzylinder des rundum erneuerten SH voll einschenkt, wird sein blaues Wunder erleben. Die rechtskonforme Speed-Schallmauer durchbricht der potente Großrad-Scooter hier fast so mühe- und hemmungslos wie eine Österreichische Partei die Wahlkampfkosten-Obergrenze.

Im Handumdrehen prangen bei unserer Testfahrt 154 km/h auf dem LCD-Tacho – ganz ohne Windschatten, Schwung oder aerodynamisch zusammengekauerter Körperhaltung des Piloten. Wie ein heißes Messer die Butter zerteilt die facegeliftete LED-Front des SH-Jahrgangs 2021 den Luftwiderstand, souverän und pendelfrei pfeift das Scooter-Geschoß auf der Überholspur dahin statt sich mit Kleintransportern, Bussen, Lkws auf der rechten Fahrbahn zu duellieren, wie es die allzu zurückhaltende Werksangabe befürchten lässt – sie ist ohne Frage ein Paradebeispiel für „falsche Bescheidenheit“.

Das jüngste Update verleiht dem erfolgreichen (mehr als 190.000 Exemplare wurden seit 2007 in Europa verkauft) Power-Roller eine stattliche Hubraumerweiterung um 50 Kubik, aus der jeweils 17 Prozent mehr Leistung und Drehmoment resultieren. Mit 29 PS und 32 Newtonmetern zerrt der SH350i im Vergleich zu seinem Vorgänger am Zahnriemen der Variomatik.

Auch sonst wurde der Vierventiler, der in ähnlicher Konfiguration auch das Schwestermodell Forza 350 befeuert, umfang- und detailreich überarbeitet: Unter anderem sorgen ein hydraulischer Riemenspanner und eine zehn Prozent leichtere, neu konstruierte Kurbelwelle für ultradirekte Gasannahme und explosive Ampelstarts, bei denen die serienmäßige, abschaltbare Traktionskontrolle auf glattem oder nassem Asphalt optimalen Vortrieb garantiert.

Eine neue Ausgleichswelle reduziert die Motorvibrationen im Vergleich zum Vormodell deutlich. Lediglich dem proklamierten WMTC-Verbrauch von 3,4 Litern kommt der SH350i während unserer 350 Testkilometern nie richtig nahe – sein Durst liegt im praxisorientierten Überland- und City-Mischbetrieb eher bei 4,1 Litern. Hier kennt die Bescheidenheit des „Small Honda“ (SH) also doch eine Grenze. 

Beim Stauraum punktet der SH350i unter der Sitzbank mit USB-C-Ladebuchse (3 Ampere) und ausreichend Platz für einen Integralhelm. Der praktische Durchstieg leistet beim Transport einer prall gefüllten Einkaufstasche gute Dienste. Zum aktuellen Aktionspreis von 5790 Euro ist in Österreich außerdem ein 35-Liter-Topcase inkludiert, das elektronisch per Knopfdruck entriegelt und in das serienmäßige Keyless-Go-System des Allround-Scooters integriert ist.

Zwar legt das neue SH-Modell mit 172 Kilo fahrfertig insgesamt fünf Kilo Ballast zu, das Stahlrohr-Unterzugchassis profitiert jedoch von den überarbeiteten Rohrdurchmessern und Wandstärken merklich. Mit der Präzision eines Chirurgen schnitzt der stabile SH350i souverän seine Linie in allerlei Kurvenradien, enge Wendemanöver klappen trotzdem auf der sprichwörtlichen Briefmarke. Mit dem SH350i bleibt selbst auf reinrassigen Motorradrouten der Fahrspaß nicht auf der Strecke.

Wo viel Licht ist, findet sich jedoch bekanntlich auch Schatten. Obwohl die typischen 16-Zoll-Räder beim Großradroller eigentlich für hohen Abrollkomfort sorgen sollen, holpert das Hinterrad des SH350i hölzern über kleinste Unebenheiten wie Kanaldeckel oder Asphalt-Trennfugen. Eine Fahrt über das Kopfsteinpflaster der Wiener Innenstadt mutiert damit zur schmerzhaften Tortur für die Bandscheiben – hier ist Honda mit der straffen Abstimmung der Stereo-Federbeine selbst für den Sozius-Betrieb über das Ziel hinausgeschossen.

Als äußerst knackig erweist sich der Entriegelungsschalter für die Sitzbank, dessen Betätigung nach einem starken Daumen verlangt. Auch der Deckel des Topcase will mit sanfter Gewalt im Schloss arretiert werden. Zu guter Letzt macht das nicht absperrbare Fach in der Frontschürze seinem Namen alle Ehre: Es fasst kaum mehr als ein Paar Handschuhe.

Nichts zu meckern gibt es über die tadellos dosierbaren Bremsen, die auch ohne den Händedruck eines Holzfällers kraftvoll verzögern. Bei harten (Not-)Bremsmanövern werden nachkommende Fahrzeuge mittels ABS-Modulator ausgelöstem Blinksignal vorgewarnt.

Wie gewohnt über jeden Zweifel erhaben ist die edle Verarbeitung des im italienischen Atessa gefertigten SH350i. Der optische Auftritt wurde an den SH125i angepasst, dank muskulöserer Formensprache schaut der Scooter nun ebenfalls deutlich aggressiver und sportlicher aus der Wäsche. Ein konzeptioneller Unterschied zwischen den neuesten Generationen von SH125/150i und dem 350er bleibt weiterhin bestehen: Bei den kleinen Versionen wurde der Tank unter das Trittbrett verlegt, was zehn Liter Extra-Stauraum unter der Sitzbank schafft. Der 9,1-Liter-Tank des SH350i bleibt dagegen weiterhin im Fahrzeugheck angeordnet.

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