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Christoph Lentsch
Autor: Christoph Lentsch
21.12.2020

Nito NES 10Toller Roller

Vorabend fällt mir manchmal mitunter schwer. Gut, wenn mich der Herr von Jessner wieder einmal publikumswirksam eine Null heißt, dann weiß ich schon, dass das nix mit Bits und Beiz zu tun hat. Gut, das hat ja auch nur bedingt mit höherer Mathematik zu tun. Aber wenn der Tacho von einer Sekunde auf die andere von 99 auf 1 umspringt, man selber aber nicht kurz darauf das Vorderrad hinter sich verschwinden sieht, oder eine Mauer formatfüllend den Blick auf die Welt verstellt, dann wundert sich sogar ein devastierter Abakus wie ich. Also geh ich vom Gas. Da tauchen sie wieder auf, die 90er am Tacho und purzeln genügsam vor sich hin.

Noch einmal drehe ich den rechten Griff auf Anschlag und wieder passiert es. Nachdem die 90er durch sind, fängt der Tacho wieder von vorne zu zählen an. Die eigentlich vernachlässigbare Schwäche der Geschwindigkeitsanzeige der Nito NES 10 kann jetzt also nur bedeuten, dass dieser Roller und ich rein rechnerisch wie für einander gemacht sind. Was die Tatsache, dass die NES 10 über einen Hunderter schnell geht auch tut. Oder die Schwäche offenbart eine andere Gemeinsamkeit, welche die Nito und ich haben, die aber eigentlich ein Geheimnis bleiben sollte.

Nämlich, dass wir diesem E-Roller beide nicht zutrauen, dass er mehr als einen Hunderter geht. Es ist bei den E-Rollern nämlich so: Je schöner die sind, desto lieber sind sie oft ein Graffl. Inzwischen hat man ja den Eindruck, dass in fast jedem asiatischen Hinterhof irgendwer zwei Radln mit einem Akku vermählt. Weil die dort jetzt aber nicht so einen gewaltigen Genierer haben wie unsereins, was das Abkupfern von anderen betrifft, beweisen gerade die ein gutes Händchen, was schöne Motorradln betrifft, die erst gleich gar nicht versuchen, was Eigenes zu erfinden.

Da ist die Nito eine schöne Ausnahme. Eine Mutige noch dazu. Denn da hat man sich mit dem Design wirklich viel angetan. Die Stoppelreifen allein sind schon ein Gustostückerl. Dann das geschwungene Brettel, das an ein Surfboard erinnert und vom Fußraum bis ans Heck gezogen wird. Eine Augenweide. Die Front ist wirklich gelungen. Keine unnötigen Schnörkel stören den Blick und erst recht nicht den Fahrtwind. Dafür hat man auf Stauraum recht lässig verzichtet.

Wer Klumpert führen will, wird sowieso nie eine Schönheitskonkurrenz gewinnen. Frauen mit großen Handtaschen schauen nicht weniger mitleidserregend aus als Kastenwägen mit Flammenbeklebung – da kann man als Fahrer noch so multifunktionale Ohren haben – oder Motorräder mit Topcase. Allein die Varadero vom Herrn von Jessner darf hier als Ausnahme angeführt werden – weil bei dieser alles, was den Piloten verdeckt, von welcher Seite auch immer, der Ästhetik jedenfalls zuträglich ist.

Die Nito NES 10 ist auch am Schönsten, wenn keiner draufsitzt, mag aber den Liebreiz der Pilotin, des Piloten wohl gar ein wenig steigern. Aber eben, einen Hunderter am Tacho würde man ihr auf den ersten Blick nicht zutrauen. Darum zeigt sie ihn vermutlich auch gar nicht. Oder vielleicht liegt die Sache ganz anders.

Wenn nämlich dem Hanno Voglsam so ungelenk ein Schraubenzieher in die Nito gefallen ist, dass da vielleicht ein paar Kontakte Kontakt bekommen haben, die sie sich auf natürlichem Wege gar nie treffen sollten – Tinder für E-Antriebe quasi – dann könnte das vielleicht die erstaunliche Beschleunigung und den angeberischen Topspeed erklären. Jetzt muss man wissen, dass der Hanno der Chef von Vertical ist. Die bieten unter anderem die Nito NES 10 an. Kostet neu gerade 5.250 Euro.

Kein Wunder also, dass er binnen kürzester Zeit inzwischen zum dritten Mal umgezogen ist, weil sein Geschäft aus jedem neuen Etablissement herauswächst, wie ein Einjähriger aus dem Weihnachtspullover. Also mach ich mich auf in den 14., wo der Hanno jetzt seine äußerst imposante Residenz aufgeschlagen hat. Und er sagt, er hätte nichts gemacht. Das Teil geht so gut, und das ganz legal. Als Beweis dafür darf die bissige Bremse herhalten. Jede Mopedbremse würde da anstandslos in Rauch aufgehen, wenn man da zwei, drei Mal, bei hohem Tempo in die Eisen geht. Und dort haben wir auch das einzige Manko der Nito.

Wenn man die Bremse auch nur ein wenig gezogen hat, nimmt sie kein Gas mehr an. Beim Kurvenräubern, also beim harten und späten Reinbremsen bis zum Apex, wo man sich dann den Hebel noch nicht ganz auslassen traut aber trotzdem weiß, dass man schon ans Gas muss, will man nicht mit dem Scheitel in den Scheitel fallen, können die Augerl schon einmal groß werden. Aber da es eh noch keine Rennserie mit den Nitos gibt, wird das Problem wohl eher selten auftreten.

Obwohl spannend wäre eine solche schon. Weil man die Akkus rausnehmen kann – und sie so auch gegen volle tauschen – stünde nicht einmal einem Langstrecken-Rennen etwas im Wege. Die 24 Stunden vom Praterstern. Und weil man mehr als 50 unterschiedliche Nitos konfigurieren kann, wären die Teams sogar leicht zu unterscheiden. Team Schönlaub, in gesetzten Farben, dunklem Holzbrettel und Weißwandreifen. Beim Team Kopecky waraten die Farben frischer, aber die Sitzbank sportlich schwarz.

Den Nito vom Team des Herrn von Jessner erkennte man am Topcase und der derben Flucherei aus dem Helm. Verdammt. Jetzt hab ich mir diesmal fix vorgenommen, vorwiegend über das Gerät zu schreiben und die Ausschweife hint anzustellen – aber mit den guten Vorsätzen geht es mir anscheinend wie mit der Mathematik. Am Ende geht die Rechnung nicht auf.

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