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Markus Reithofer
Autor: Markus Reithofer
markus.reithofer@motorrad-magazin.at
9.4.2024

MotorradlärmLaut ist out?

Sicher ist, dass die Toleranz der Bevölkerung gegenüber lauten Fahrzeugen nicht größer wird. Das spiegelt sich in zahlreichen Gesetzen, Vorschriften und Verordnungen, die zum Teil auf EU-Ebene beschlossen werden. Aber auch regionale Bestimmungen können bemerkenswerte Auswirkungen haben – Stichwort Tirol mit der dort nach wie vor gültigen Regelung, dass Motorräder mit einem eingetragenen Standgeräusch von mehr als 95 dB in einigen Landstrichen nicht fahren dürfen.

Wie auch immer wir als Motorradfahrer dazu stehen, dürfen wir nicht übersehen, dass in Österreich im Jahr 2022 insgesamt 614.023 Motorräder für den Straßenverkehr zugelassen waren. Seit den 1980er-Jahren entspricht das einer Zunahme von rund 400 Prozent. Parallel zu dieser Entwicklung sind die Zügel der Lärmvorschriften immer straffer gezogen worden. Während früher nahezu alles erlaubt war, wurden mit dem Inkrafttreten des Kraftfahrgesetzes 1967 erstmals Schalldämpfer vorgeschrieben. Ab dann wurden schrittweise Lärmobergrenzen eingeführt, die auch heute noch je nach Fahrzeugtyp unterschiedlich hoch sind und deren Definition mit der Zeit immer genauer wurde. Mit Definition ist gemeint, wie die Bedingungen aussehen, unter denen ein bestimmter Grenzwert nicht überschritten werden darf.

Die wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder angepasst, weil erstens bessere Messmethoden zur Verfügung standen und zweitens die technischen Möglichkeiten der Hersteller mitgewachsen sind. Dazu zählt neben der Fähigkeit, grundsätzlich leisere Motorräder zu bauen, auch die Verbreitung zahlreicher legaler Tricks, um ein Motorrad speziell für den Messzyklus leiser zu machen.

Über die Realitätsnähe oder -ferne der Messvorschriften und Lärmgrenzen kann man lange diskutieren, aber am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sie von den Herstellern technisch erfüllbar sein müssen, ohne die Motorräder unfahrbar zu machen. Bis 2025 die Norm Euro 5+ zu greifen beginnt, haben die Entwickler mit Sicherheit ein paar Herkulesaufgaben erfüllt, weil die dann explizit verbotenen Eingriffe zur kurzfristigen Geräuschreduktion während Messungen sonst zu deutlichen Leistungseinbußen führen würden.

Bis dahin werden auch Elektro-Motorräder eine wichtigere Rolle spielen. Die erzeugen zwar kein Standgeräusch, können aber in Fahrt erheblich lauter sein als man es vermuten würde. Die für ihr Surren bekannte Energica Experia war bei einem Test der Kollegen vom deutschen „Motorrad“ kürzlich lauter als alle teilnehmenden Benzin-Motorräder, wenn es um das volle Herausbeschleunigen aus einer Kurve ging. In Bezug auf Lärm können also in nächster Zeit noch viele Überraschungen auf uns zu kommen.

FAHRGERÄUSCH BEI MOTORRÄDERN

Eine Frage der Klasse

In der EU ist der Lärm von Motorrädern in der UNECE-R 41 festgelegt. Die Grenzwerte für die gleichmäßige und die beschleunigte Vorbeifahrt sind vom Leistungsgewicht (PMR, wobei die Leistung in Watt gerechnet wird) abhängig und dementsprechend in drei Klassen unterteilt:

Klasse I: Sehr schwere und/oder sehr schwache Motorräder (PMR bis zu 25): 73 dB(A)
Klasse II: PMR zwischen 25 und 50: 74 dB(A)
Klasse III: PMR über 50: 77 dB(A)

Interessanterweise versammeln sich mehr als drei Viertel der am Markt befindlichen Motorräder in der lautesten Klasse. Aber jetzt kommt’s: Es gibt noch weitere Bestimmungen (Additional Sound Emission Provisions, ASEP) – und die haben es in sich. Die ASEP zielen auf technische Tricks, wie beispielsweise die beliebten Klappensysteme, mit denen die Lautstärke bei den standardisierten Messverfahren künstlich versteckt wird. Bisher lässt man den Herstellern noch einiges durchgehen, aber wenn 2025 die neue Euro-Norm Euro 5+ in Kraft tritt, dürfte es massive Änderungen – sprich real auf der Straße erheblich leisere Motorräder – geben.

SO ENTSTEHT DER LÄRM

Wie ein Orchester

Wenn man darüber nachdenkt, warum Motorräder überhaupt laut sind, kommt man zuerst auf den Motor. Das ist nicht ganz falsch, aber bei weitem nicht der einzige Grund, warum bei einer Lärmmessung in Vorbeifahrt die Dezibel-Anzeige nach oben schnellt. Ganz oben auf der Liste steht das Auspuffsystem. Der größte Teil des von Motorrädern verursachten Lärms stammt aus dieser Quelle. Gleichzeitig ist es der am leichtesten zu modifizierende Bauteil, weshalb Nachrüstanlagen der häufigste Grund für zu laute Motorräder sind.

Nicht zu unterschätzen ist das Ansauggeräusch, das vor allem beim starken Beschleunigen je nach Auslegung des Luftfilterkastens sehr laut sein kann. Das gilt in einigen Fällen auch für die mechanischen Geräusche des Motors selbst. Berüchtigt dafür waren die alten Luftkühler von Harley-Davidson oder Ducati, wobei Letztere lange Zeit mit dem Gescheppere ihrer Trockenkupplung am Stand mehr Lärm erzeugt haben als mit dem Auspuff.

Bei Geschwindigkeiten ab 100 km/h kommen Windgeräusche und das Abrollgeräusch der Reifen ins Spiel. Beide können je nach Bauart extrem unterschiedlich sein. Grobstollige Enduroreifen sind nicht selten dafür verantwortlich, dass ein Motorrad auf der Autobahn mehr Lärm über das Abrollgeräusch als über den Auspuff abgibt. Auch die Reifendimension und der Reifendruck sind verantwortlich dafür, wie laut und in welchem Frequenzbereich („singen“, „rumpeln“) die Gummis zum Lärm beitragen.

Beim Windgeräusch sind schlanke Supersportler im Vorteil, während große Tourer mit Windschild und Koffern deutlich vernehmbar rauschen.

MOTORRAD SELBER LEISER MACHEN

Der Schalldämpfer

Ja, es gab Zeiten, in denen es selbstverständlich war, ein fabriksneues Motorrad mit einem lauteren Endtopf auszustatten. Heute geht es auch umgekehrt. Wem der Originalauspuff seines Motorrads zu laut ist, kann bei Hattech in Deutschland entweder einen speziell entwickelten Zusatzdämpfer einschweißen lassen oder gleich einen leiseren Nachbaudämpfer ordern. Danach ergibt sich bei vielen Modellen ein Nahfeldpegel von 92 bis 95 dB(A) und ein deutlich geringeres Fahrgeräusch in allen Lastbereichen. Die Dämpfer sollen laut Prüfstandmessungen maximal ein paar PS kosten, dafür aber im mittleren Drehzahlbereich mehr Drehmoment offerieren. Die Preise starten bei 698 Euro. www.hattech.de 

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