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23.11.2022

Test: Honda CB750 Hornet Die Hornisse fliegt wieder

Die Rückkehr einer Legende ist stets ein besonderes Ereignis. So war es auch heute bei unserem allerersten Roll-Out im bequem gepolsterten Sattel der brandneuen Honda Hornet in Spanien. Die technischen Daten (alle Infos zum Modell hier) sorgten vorab für Überraschungen – ganz besonders die Abkehr vom Reihenvierzylinder-Antrieb schien untypisch und vielleicht auch unpassend für eine waschechte Hornet. Hat das Hornet-Revival vielleicht sogar das rassige Charisma seines Ahnen verloren? Unser rund 200 Kilometer langer Praxistest sorgt für Klarheit.

Der Paralleltwin mit 270 Grad Hubzapfenversatz ist tatsächlich ein purer Quell der Freude und lässt keinerlei Explosivität, Drehfreude oder Schubstärke vermissen. Über das komplette Drehzahlband hinweg hängt der Reihenzweizylinder spritzig am Gas und presst die fahrfertig 190 Kilo leichte Hornet jederzeit verlässlich und äußerst kurzweilig nach vorne. Drehmoment-Berge oder -Täler waren während der Testfahrt kaum zu eruieren, die Motorcharakeristik ähnelt eher der sprichwörtlichen „Nähmaschine“. Zwei Ausgleichswellen neutralisieren effizient jegliche Vibration. Höchstens kurz vor dem Bregrenzer lassen sich feine Frequenzen am Lenker erfühlen – ein Tourenbereich, der im Normalfall eher selten dauerhaft strapaziert wird.

Über das 5-Zoll-TFT kann die Kraftentfaltung des Ride-by-Wire-Gasgriffs dreifach adaptiert werden, die Maximalleistung von 92 PS bleibt dabei in jeder der Einstellungen erhalten. In engen Serpentinen oder Kreisverkehren macht sich jedoch stets die ein Alzerl zu direkte Gasannahme bemerkbar – hier tendiert die Hornet zu leichten Lastwechselreaktionen.

Der um 290 Euro optional erhältliche Quickshifter mit Blipper-Funktion erfüllt seine Mission präzise, schnell und widerstandsfrei – er ist somit jeden Cent wert und sollte beim Kauf der Hornet auf jeden Fall einkalkuliert werden. Die Anti-Hopping-Kupplung verfügt über eine kraftschonende Assist-Funktion. Ihr Handhebel lässt sich spielerisch leicht den ganzen Tag mit nur einem einzigen Finger ziehen.

Zweifellos verdient der brandneu in Japan konzipierte, äußerst kompakte Motor die Bezeichnung „großer Wurf“ - zum Einsatzbereich der Hornet passt der 755-Kubik-Reaktor mit 75 Newtonmetern maximalem Drehmoment jedenfalls nahezu perfekt. Wie das drehfreudige Aggregat im Herzen einer Reiseenduro performt, wird sich bald bei unserem Test der ebenfalls brandneuen Honda Transalp herauskristallisieren, die laut eines leitenden Motor-Entwicklungsingenieurs von Honda in identischer Form vom Hornet-Triebwerk befeuert werden wird.

Zwar sucht man einen Tempomaten oder schräglagensensitive Assistenzsysteme an der Honda vergeblich, die dreifach justierbare (und deaktivierbare) Traktionskontrolle erfüllt ihre Aufgabe aber dezent und zuverlässig. Auch die Motorbremswirkung kann dreifach adaptiert werden. Neben den drei vorprogrammierten Fahrmodi Sport, Standard und Rain steht außerdem ein individuell gestaltbarer User-Modus zur Verfügung. Die notwendigen Voreinstellungen lassen sich äußerst intuitiv, logisch und flink mittels linker Lenkerarmatur im Stand (!) anpassen. Die Bluetooth-Connectivity ermöglicht außerdem eine Smartphone-Steuerung über Sprachkommandos (ein Headset vorausgesetzt), der USB-Ladestecker für das Telefon findet sich unter der Sozius-Sitzbank.

 

Überraschend sportlich und dennoch sehr gut dosierbar beißen die Vierkolben-Bremszangen in die 296 Millimeter Stahlscheiben. Das abgesehen von der Federbein-Vorspannung nicht justierbare Showa-Fahrwerk erweist sich ebenfalls als verlässlicher Partner. Es spricht fein auf kleinste Unebenheiten an und garantiert auf Touren einen komfortablen Ritt – erst beim ambitionierten Kurven-Galopp kommen die günstigen Dämpfer (Federweg v./h. 13/15 cm) allmählich an ihre Grenzen und können harte Bremsmanöver nicht vollständig kontern.

Das 16,6 Kilo leichte Chassis (-11 % im Vergleich zur CB650R) mit Stahlschwinge, kurzen 1420 Millimetern Radstand, steilem Lenkkopfwinkel und kurzem Nachlauf in Kombination mit dem kompakten Hornet-Triebwerk ist ein Paradebeispiel für Massenzentralisierung. Ein sperriges Wort, das in der Praxis simpel für unfassbare Agilität, bravouröse Kontrollierbarkeit und traumhaftes Handling steht. Auch der schmale Michelin-Road-5-Hinterreifen in 160/60-17 trägt zu leichtfüßigen Schräglagenwechseln bei, die schlanke Heckansicht des Reifens ist im Vergleich zum gar nicht so minimalistischen Heck der Hornet allerdings gewöhnungsbedürftig und wird ihrer Sportlichkeit optisch nicht gerecht.

In puncto Ergonomie schafft Honda mit der Hornet eine Punktlandung. Der Kniewinkel ist trotz üppiger Schräglagenfreiheit der Fußraster bei 180 Zentimetern Körpergröße durchaus entspannt, der dünne Stahllenker streckt sich seinem Piloten einladend entgegen. Der Rücken bleibt dabei nahezu gerade, die Wirbelsäule hat nur minimale Vorneigung. Der Knieschluss am 15,1-Liter-Tank ist innig-kompakt. Zu guter Letzt kommen auch kleinere Personen mit der Sitzhöhe von 795 Millimetern problemlos zurecht, da der notwendige Schrittbogen am vorderen Ende des soften Sattels gnädig ausfällt und an der Ampel sicheren Kontakt der Schuhsohlen mit dem Boden ermöglicht.

Ein praktisches Feature ab Werk sind die selbstrückstellenden Blinker, die bei unserem Test exzellent funktionieren und nach dem Abbiegen das LED-Lichtsignal automatisch ausschalten – eine Kleinigkeit, die den Alltag bequemer macht und besonders in der Preisklasse der Hornet ungewöhnlich ist. Schließlich müssen Ein- und Aufsteiger lediglich 8690 Euro für das in vier Farben erhältliche Honda-Kultmotorrad hinblättern.

Ein Preis, der angesichts der erwachsenen Fahrleistungen, der gewohnt soliden Fertigungsqualität sowie der außergewöhnlich üppigen Serienausstattung durchaus als Schnäppchen bezeichnet werden darf. Zuschlagen dürfen übrigens auch Routiniers im Sattel! Denn die neue Hornet darf nicht auf die Zielgruppe der Motorrad-Novizen reduziert werden. Auch bei echten Könnern sorgt das universelle Naked Bike garantiert für ein breites Grinsen unter dem Helm. Somit offenbart sich die Honda Hornet nicht nur als günstige, sondern auch als überraschend langfristige Anschaffung.

 

 

 

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