christoph.lentsch@motorrad-magazin.at
Honda Hornet Dauertest AbschlussResümee 2025
Es gibt Motorräder in unserem Test-Alltag, die verabschiedet man gleichgültig mit einem Schulterzucken. Und es gibt jene, bei denen man den Zündschlüssel ein letztes Mal umdreht und sich denkt: Verdammt schade, eigentlich.
Die Honda Hornet 1000 SP gehört ganz klar zur zweiten Kategorie – sie war der vielleicht unspektakulärste und trotzdem universellste Dauertest-Roadster seit langer Zeit. Unauffällig, weil sie sich konsequent jeder Eskalation verweigert. Angenehm, weil genau das in Kombination mit ihrer Vielseitigkeit im Alltag ein unschätzbarer Luxus ist.
Sechs Monate lang war sie fixer Bestandteil meines Motorradlebens. Italien, Portugal, Deutschland, Österreich. Über 12.000 Kilometer verschiedenster Straßen, Tempi und Launen. Und wie man es von einer waschechten Honda erwartet: keine Defekte, keine Ausfälle, keine Ausreden. „Starten, fahren, ankommen“ – so könnte ihr Leitspruch lauten. Denn die Hornet 1000 SP brilliert mit sprichwörtlicher Japanischer Zuverlässigkeit wie aus dem Lehrbuch – nur eben nicht auf dem Papier, sondern tatsächlich im echten Leben. Obendrein finden jene, die ihr Heil im Verhältnis Pferdestärken zu Euro suchen, in der Hornet SP ihr Traummotorrad: 14.490 Euro für satte 157 PS und 107 Newtonmeter sind keinesfalls überzahlt.
Der 999-Kubik-Reihenvierzylinder, entliehen der SC77-Fireblade aus 2017, ist ohnehin ein guter, alter Bekannter – und doch immer wieder faszinierend. Die logische Konsequenz der Racing-DNA: Für atemberaubenden, explosiven Vortrieb und maximale Performance dürfen hohe Drehzahlen keinesfalls gescheut werden. Wer sich mit dieser Tatsache abfinden kann, wird außerdem mit herrlicher Kultiviertheit sowie sagenhafter Elastizität in beschaulichem Tourentempo belohnt.
Dennoch wird gelegenatlich in Internet-Foren gerne kolportiert, der Antrieb hätte im unteren Drehzahlbereich ein „Loch“. Ehrlich gesagt: Ich habe es in der alltäglichen Praxis nie so richtig gefunden. In der unteren Drehzahlhälfte erweist sich das kurzhubige Aggregat trotz des eher rauen Motorlaufs erstaunlich geschmeidig. Ideal für alltäglichen Stadtverkehr und entspanntes Dahingleiten auf der Landstraße – saubere Gasannahme, kein Kettenschlagen, kein Murren. Wie keineswegs ungewöhnlich für Reihenvierzylinder-Triebwerke, wechselt auch die Hornet in hohen Drehzahl-Sphären ihren Charakter.
Untermalt von zornig-fauchendem Kreischen verlässt der Pilot bei rund 6500 Touren den Landstraßen-Wohlfühlbereich und pfeffert seinen Führerschein risikofreudig auf den Roulette-Tisch. Der Vierling spannt die Muskeln an, der Sound wird präsenter, der druckvolle Vortrieb zoomt den Piloten durch die im Augenwinkel unscharf vorbeiziehende Landschaft. Hier machen sich kurzfristig auch ein paar lästige Vibrationen bemerkbar – ein Phänomen, das bei sittlichem Alltagseinsatz kaum auftritt.
Die Leistungsentfaltung bleibt auch im gestreckten Galopp stets gut kontrollierbar. Kein abrupter Punch, sondern sauberer, linearer Schub bis zum Begrenzer. Wer den klassischen Vierzylinder-Charakter mag, findet hier einen der besten Vertreter seiner Art. In den sportlichsten Modi des Ride-by-Wire-Gasgriffs gestaltet sich die Gasannahme knackig, die sanften Einstellungen agieren dagegen ruckfrei.
Apropos elektronischer Gasgriff: Einen praktischen Tempomaten sucht man an der Hornet trotz vorhandener technischer Voraussetzungen leider vergeblich. Auf schräglagensensitive Assistenzsysteme muss man mangels 6-Achsen-IMU ebenfalls verzichten – in dieser Preisklasse mittlerweile eine schwer akzeptierbare Einsparung – schließlich sind zum Beispiel Yamaha MT-09 sowie Kawasaki Z900 schon um weniger Geld am letzten Stand der Sicherheitstechnik. Es überrascht daher kaum, dass besonders die bodenständige Schlupfregelung der Hornet SP mit allzu abrupt und dauerhaft gekapptem Vortrieb eher durchschnittlich performt.
Wer das volle Potenzial eines Reihenvierzylinder-Motors auskosten will, kommt bekanntlich um häufige Gangwechsel nicht herum. Das gilt auch für die CB1000. Kein Problem, denn die Schaltvorgänge klappen im präzisen Getriebe mit kurzen Wegen dank des fantastischen, dreifach justierbaren Quickshifters in beide Richtungen völlig mühelos. Bei der Höchstgeschwindigkeit ist rein rechnerisch mehr drin: Bis zu 270 km/h wären möglich, Honda limitiert den Topspeed jedoch auf Tempo 230 – mehr ein theoretisches Zahlenspiel als ein echter Kritikpunkt.
Mit 98 Dezibel Standgeräusch orten wir weit dringenderes Optimierungspotenzial – ein Wert, der zwar manchen Klangliebhaber freuen dürfte, die lärmgeplagten Nachbarn beim frühmorgendlichem Kaltstart jedoch kaum erfreut – von der Polizei im Tiroler Außerfern gar nicht zu reden. Versöhnlich stimmt allerdings: Sobald der erste Gang eingelegt ist und die elegante Fuhre in Bewegung kommt, reduziert sich das Fahrgeräusch spürbar – und bleibt akustisch überraschend unterhalb des Anrainer-Radars.
Zu guter Letzt pendelte sich der Durchschnittsverbrauch über die gesamte Dauertest-Distanz bei 5,9 Litern ein – exakt der WMTC-Wert, den Honda angibt. Mit 17-Liter-Tank ergibt sich daraus alle rund 250 Kilometer ein Besuch an der Zapfsäule. Auch der Ölverbrauch blieb mit knapp einem Liter auf zehntausend Kilometer im grünen Bereich.
Wenn man nach einem Merkmal sucht, das die Hornet SP aus der Masse hebt, dann landet man unweigerlich bei der fabulösen Straßenlage, die man in dieser Preisklasse nicht oft findet. Zu einem großen Teil geht das ausgesprochen souveräne Fahrverhalten der Hornet SP auf das Konto der hervorragend abgestimmten, voll einstellbaren Federelemente. Die Big-Piston-Gabel von Showa spricht sensibel auf Unebenheiten an und bleibt selbst bei harten Bremsmanövern der durchwegs soliden Brembo/Nissin-Bremsanlage unbeeindruckt.
Erwartungsgemäß bietet auch das goldene Öhlins-Federbein wenig Angriffsfläche für Kritik, das wegen seines breiten Einstellbereichs für Zug- und Druckstufe den Spagat zwischen „zart und hart“ tadellos beherrscht. Schon in der Werksabstimmung trifft das hochwertige Fahrwerk der Hornet SP auf Anhieb einen hervorragenden Kompromiss zwischen Sportlichkeit und Komfort, stärkt das Vertrauen und wirkt besonders in Schräglage äußerst ausgewogen.
Die Hornet SP lässt sich neutral, direkt und mit viel Gefühl für die Front durch die Kurven zirkeln. Stabilität und Präzision liegen selbst im Basis-Setup auf höchstem Niveau, und besonders enge Kehren absolviert die Honda deutlich müheloser als die meisten anderen 1-Liter-Vierzylinder.
Trotz 212 Kilogramm vollgetankt fühlt sich die Hornet SP fast an wie eine gut trainierte 600er. Die harmonische Geometrie mit kurzem Radstand, der schlanke 180er-Hinterreifen sowie klare Chassis-Rückmeldungen machen sie zu einem echten Kurvenwunder. Die Hornet liegt wie ein sprichwörtliches Brett, ohne dabei hart oder nervös zu wirken. Eine gemächlich-touristische Gangart liegt dem hubraumstärksten Honda-Naked-Bike ebenso wie ein flotter Schräglagen-Wechselrhythmus im Winkelwerk.
Das Erstaunlichste: Im direkten Vergleich mit der Suzuki GSX-S1000, ebenfalls mit ehemaligem Superbike-Motor, wirkt die Suzuki deutlich massiger. Die Hornet dagegen tänzelt. Nicht nervös, sondern leichtfüßig – ein Roadster, der Kurven nicht nur akzeptiert, sondern sucht.
Rosen streuen wir der Honda Hornet SP auch für ihre ausgewogene Sitzposition. Was optisch auf den ersten Blick wie ein aggressiver Straßenkämpfer wirkt, entpuppt sich in der Praxis als erstaunlich kommod. Im 809 Millimeter hohen Pilotensitz dominiert klar der Komfort. Die Sattelpolsterung ist weder zu hart noch zu weich, der Kniewinkel für ein Naked Bike erfreulich entspannt und der Lenker rückenfreundlich hoch angeschlagen.
Das geht auch für Großgewachsene während ausgedehnter Wochenend-Ausflüge durchaus in Ordnung. Doch nicht alles ist perfekt – der breite Tank beispielsweise spreizt die Oberschenkel des Piloten spürbar, und selbst mit durchschnittlicher Schuhgröße kommt die rechte Ferse regelmäßig mit dem plumpen, steil ansteigenden Endtopf in Kontakt. Und über den Sozius-Komfort breiten wir lieber gnädig den Mantel des Schweigens.
Das TFT-Display der Hornisse punktet dagegen mit hervorragener Ablesbarkeit, die Menüstruktur dürfte aber gerne weniger umständlich ausfallen. Positiv: Honda hat zumindest eine einfache, aber funktionale Bluetooth-Konnektivität zur Smartphone-Kopplung samt Turn-by-Turn-Navigationsfunktion integriert. Dazu koppelt man das Smartphone mit der „RoadSync“-App, über die sich auch Musikapps steuern und Anrufe annehmen lassen.
Für die integrierte Routenführung beschränkt sich Honda auf Sprachansagen im Helm-Headset sowie einfache Richtungspfeile am Display, die bei Android-Telefonen auf der bekanntermaßen hervorragenden Routenführung von Google Maps basieren (iPhone: HERE Maps). Damit erreicht man im Alltag diverse Fahrtziele effizient und unkompliziert. Auf Reisen kann das ein vollwertiges Navigationsgerät mit Kartendarstellung naturgemäß nicht ersetzen.
Das letzte Wort
Eine Saison mit der Honda Hornet SP – das fühlt sich im Rückspiegel weniger nach flüchtiger Sommerromanze an als nach einer erstaunlich tragfähigen Beziehung. Keine toxischen Eskalationen, keine nächtlichen Hilferufe vom Pannenstreifen, kein launisches Temperament zwischen Euphorie und Ernüchterung. Stattdessen: sprichwörtliche japanische Verlässlichkeit, kombiniert mit jener leisen Souveränität, die man erst dann wirklich schätzt, wenn sie plötzlich fehlt.
Die Hornet ist weder Blender noch Social-Media-Poser. Sie überzeugt als erwachsener Allrounder, der im Winkelwerk genauso präzise funktioniert wie im urbanen Stop-and-go oder auf der ausgedehnten Wochenendflucht über den Brenner. Ihr Fireblade-Erbgut liefert weiterhin dieses elektrisierende Crescendo bis zum Begrenzer, das Vierzylinder-Aficionados in stille Verzückung versetzt, ohne jemals unberechenbar oder grob zu wirken.
Dazu ein Fahrwerk, das in dieser Preisklasse fast schon unanständig gut abgestimmt ist und selbst ambitionierte Gangart mit stoischer Gelassenheit quittiert. Zugegeben: Eine 6-Achsen-IMU, ein Tempomat oder das volle Arsenal schräglagensensitiver Assistenzsysteme sucht man vergeblich. Doch anstatt das als Mangel zu begreifen, entpuppt es sich im Alltag fast als wohltuende Reduktion. Die Hornet SP vertraut auf ein stimmiges Gesamtkonzept aus sauber abgestimmtem Motor, kommoder Ergonomie und einem Fahrwerk, das deutlich mehr kann als das Preisschild vermuten lässt.
Daher wirkt sie nie untertechnisiert – nur bewusst fokussiert. Die CB1000 Hornet SP empfiehlt sich nicht durch grelle Superlative am Datenblatt, sondern durch Taten. Und genau deshalb ist sie kein Motorrad für Schlagzeilen, sondern für endlos viele Kilometer.
Zubehör im Test
Handyhalterung: Um ein teures Telefon auch bei sportlicher Fahrweise bombenfest und gleichzeitig geräteschonend zu montieren, bewährte sich der „Moto Mount 3D“ in Kombination mit dem „Charging Anti Vibration Module“ von SP Connect (https://sp-connect.de/) auf ganzer Linie. Zugegeben, die abgebildete Handyhalterung für rund 250 Euro inklusive Ladekabel und passender Gerätehülle ist alles andere als günstig – tatsächlich aber jeden Cent wert. Erstens lässt sich die nahezu stufenlos verschieb- und rotierbare, CNC-gefräste Halterung aus Flugzeugaluminium perfekt an jeden Lenker anpassen. Zweitens lädt der wetterfeste Dämpfer während der Fahrt nicht nur induktiv den Smartphone-Akku, sondern neutralisiert dank eines innovativen Elastomer-Inlays sämtliche Vibrationen von Motor und Fahrbahn, die normalerweise eher früher als später zu fatalen Schäden insbesondere an der Handy-Kamera geführt hätten. Zu guter Letzt wird bei Fahrtantritt das Smartphone mittels Magnet zielgenau in die Halterung geführt und dann verlustsicher mittels 90-Grad-Rotation im Uhrzeigersinn auf dem SP-Connect-System verriegelt.
Slip-On-Schalldämpfer: Den serienmäßigen Hornet-Auspuff haben wir wegen seiner üppigen Figur und der eher lieblos verarbeiteten Oberfläche mit einem Vollcarbon-Endtopf von SC Project um 1280 Euro ersetzt. Jener löst das Platzproblem für die rechte Ferse zwar nicht gänzlich, wenn der Fuß mit dem Ballen auf der Raste steht – in puncto dumpf grollendem Sound und Premium-Optik garantiert der SC1-R jedoch ungetrübte Freude – und bleibt dabei nicht nur im Ortsgebiet stets sozialverträglich.
Alcantara-Sitze: Zweifellos sind die straff gepolsterten Wildlederimitat-Sättel aus dem Honda-Originalzubehör um insgesamt 274 Euro für Fahrer und Passagier beim Sitzkomfort ihren Serienpendants haushoch überlegen – nach nächtlichem Regen zeigt Alcantara jedoch seine kapriziöse Seite. Das edle Material trocknet quälend langsam – eine feuchte Unterhose ist schon nach wenigen Fahrminuten unvermeidlich. Atmungsaktivität und Hitzeschutz überzeugen jedoch : Selbst nach einem Parkplatz in der prallen Sonne bleibt der Sitzplatz potenzfreundlich temperiert.
Reifen: Auf Anhieb konnten wir – trotz der durchwegs soliden 3000-Kilometer-Performance der bewährten Bridgestone S22-Erstbereifung – mit dem neuen Dunlop SportSmart Mk4 eine deutlich spürbare Verbesserung in puncto Agilität protokollieren. Die Hornet SP hält die angepeilten Linie außerdem noch einen Hauch präziser – keine Spur von Eigenleben in Schräglage oder Aufstellmoment beim Bremsen in Kurven. Selbst mit gefluteter Fahrbahn während eines Sommergewitters kommt der Dunlop souverän zurecht. Zu guter Letzt unterbietet er die Erstbereifung sogar beim Bremsweg knapp: Mit nur 45,3 Metern aus Tempo 100 stoppt die Mk4-bereifte Hornet SP knapp einen Meter früher als mit S22 Pneus. Weniger deutlich spürbar erwies sich der Wechsel auf Michelin Power 6 aus – Handling sowie Grip liegen auf Augenhöhe mit der Bridgestone-Erstbereifung.
