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14.12.2017

Test: Ducati Multistrada 1260 SBequem Gemacht

Es sind kaum fünf Wochen vergangen seit Ducati auf der EICMA in Mailand das jüngste Update der großen Multistrada vorgestellt hat – jetzt mit 1262 Kubik, 158 PS und 129 Newtonmeter starkem V-Twin, den man bereits aus der xDiavel kennt. Die technischen Modifikationen haben wir bereits hier zusammengefasst. Um die versprochenen Verbesserungen in Sachen Fahrdynamik und Komfort selbst zu erfahren, hat sich das Motorradmagazin nun für einen ausgiebigen Test-Tag mit 300 Kurvenkilometern nach Gran Canaria begeben. Im Nachhinein sind wir klüger: wir wären besser daheim geblieben, denn mit mageren 2 Grad, Regen, dichtem Nebel und rutschigen, schmutzigen Bergstraßen wären wir auch in Österreich gut versorgt gewesen. Nach stundenlangem Schneckentempo zeigte sich erst nachmittags der Wettergott gnädig, spendierte uns fürs Fotoshooting ein paar Sonnenstrahlen und erlaubte auch flotte Gangart.

Immerhin können wir den elektronischen Assistenzsystemen der Multistrada 1260 S beste Funktion attestieren: sowohl Traktionskontrolle als auch Kurven-ABS erlaubten sich keinen Faux-Pas und bleiben bei ihrer Mission trotzdem dezent im Hintergrund – Interventionen fallen äußerst sanft und trotzdem effizient aus. Selbst auf dem gefürchteten „Blatteis“ blieb das italienische Reiseenduro-Flaggschiff mit Pirelli Scorpion Trail-2-Bereifung ohne nervzerreissender Rutscher brav auf Kurs. Der Wechsel zwischen den Riding-Modes, den verschiedenen Setups des elektronischen Fahrwerks und die individuelle Abstimmung der Software-Helferlein klappt dank des komplett umgestalteten User-Interfaces um Welten einfacher als bisher. Schon nach ein paar Fahrminuten hat man die intuitive Bedienung über die Tasten an der linken Lenkerarmatur automatisiert und surft mit ähnlicher Sicherheit durch die Untermenüs wie Surf-Legende Kelly Slater durch die Wellen Hawaiis. Die Lesbarkeit des großen TFT-Farbdisplays am S-Modell erweist sich ebenfalls als vorbildlich, die drastisch verbesserte Helligkeit und Grafik-Auflösung wirkt zudem überaus edel. Ab Februar kann das Cockpit außerdem mit einer neuen, kostenlosen Ducati-Link-App am Smartphone gekoppelt werden, über die sich nicht nur Fahrzeugdaten auslesen und Routen speichern, sondern auch sämtliche Elektronik-Settings (Fahrwerk, Motor, Assistenzsysteme) bequem daheim auf dem Sofa einstellen und später mit dem Bike synchronisieren lassen.

Auch sonst ist der Wohlfühlfaktor hinter dem Lenker hoch. Im Vergleich zur Multistrada 1200 sitzt man im Sattel der 1260 merklich bequemer. Die einst eher auf Sport getrimmte Ergonomie wurde entschärft, der Pilot wird deutlich weniger in eine aggressive Körperhaltung gezwungen - abgesehen vom eine Spur zu spitzen Kniewinkel ist der Sitzkomfort auf der Multistrada 1260 S nun endgültig auf Augenhöhe mit BMW R 1200 GS und KTM 1290 Super Adventure. Besonders glücklich während unserer Testfahrt waren wir über die serienmäßigen Heizgriffe, die die eisige Fahrt selbst in Sommerhandschuhen erträglich machte. Im dichten Nebel garantiert die LED-Lichtanlage bestmögliches Sehen und gesehen werden, und der einhändig während der Fahrt höhenverstellbare Windschild hält einen Großteil der Verwirbelungen von Brust und Helm fern – nur an den Schultern ist ein Luftzug spürbar.

Auf Anhieb bemerkbar machen sich die Anpassungen am Chassis: im Unterschied zu ihrer Vorgängerin lässt sich die Multistrada 1260 S widerstandslos in Kurven dirigieren und folgt dem Radius völlig neutral. Bremsmanöver in Schräglage werden stoisch und frei von jedem Aufstellmoment umgesetzt, die Sachs-Komponenten neutralisieren Bodenunebenheiten souverän und herrlich komfortabel. Dennoch schafft das Fahrwerkssetup den Spagat zwischen Langstreckentauglichkeit und Sprintstärke: auch bei ambitionierter Kurvenjagd mit flottem Tempo in weiten, gripreichen Radien liegt die Multistrada 1260 S satt wie das sprichwörtliche Brett am Asphalt und scheint pausenlos nach gestrecktem Galopp zu gieren. Wer diesem Wunsch folgt und sich trotz voller Beladung mutig an den Bremspunkt heranzoomt, kann sich getrost auf die Bisskraft des Brembo-M50-Monobloc-Ankers verlassen. Höchstens das Bremsgefühl ist ein wenig stumpf, der Druckpunkt nicht eindeutig spürbar. Hier könnte ein Wechsel des Bremsbelag-Typs jedoch schnell und einfach Verbesserungen erzielen.

Mit dem gesteigerten Reisekomfort auf der Ducati Multistrada 1260 S harmoniert auch das neue Triebwerk hervorragend. Lastwechselreaktionen fallen selbst im Sport-Modus kaum ins Gewicht, das Schieberuckeln früherer Multistradas bei konstantem Bummeltempo ist wie weggeblasen. Auch Vibrationen haben bei der Multistrada 1260 S kaum keine Chance: im Schubbetrieb sind sie quasi nicht existent, auf Zug lässt sich höchstens ein sanftes Zittern am Lenker erahnen.

Wie von Ducati vollmundig versprochen, kann das lodernde Feuer im Herzen der Multi ab 3500 Touren jederzeit mit einem Zucken am Gasgriff zum höllischen Flammeninferno entfacht werden. Schubkraft lässt die vollgetankt 235 Kilo leichte Multistrada 1260 in kaum einer Lebenslange vermissen, kein Wunder: zwischen 3500 und 7000 Touren protzt sie mit bis zu 18 Prozent mehr Drehmoment als die Multistrada 1200. Das ist auch gut so, denn wegen der langen Getriebeübersetzung (bei der beinahe Automatik-Feeling aufkommt) sind Gangwechsel eher selten. Egal ob enge Serpentine oder weit mehr als 100 km/h auf Geraden – zweiter und dritter Gang decken alle Gegebenheiten unserer Teststrecke ab. Höher schaltet man höchstens zum Benzinsparen. Schade eigentlich, denn der serienmäßige Quickshifter funktioniert in beide Schaltrichtungen erfreulich gut. Zwar werden Gangwechsel nach wie vor Ducati-typisch von mechanischem Klang begleitet, die Getriebestufen rasten jedoch stets präzise und knackig ein.

Dank abwechslungsreicher Wetter- und Straßenbedingungen auf Gran Canaria sind wir schon vor der Markteinführung im Jänner 2018 völlig überzeugt: die von uns getestete Ducati Multistrada 1260 S um 22.795 Euro stellt alle ihre Vorgänger-Modelle in jeder Hinsicht in den Schatten. Nie zuvor war die Reise-Ducati intelligenter, komfortabler, souveräner, universeller – und selbst in Sachen Sportlichkeit muss man bei der mit Fokus auf Langstrecke entwickelten 1260 keine Einbußen hinnehmen. Denn wer bequem sitzt, ordentlich Power unterm Hintern hat und sich nicht an mühsame Fahrzeug-Allüren anpassen muss, ist ohnehin ganz von alleine einen Hauch schneller unterwegs als sonst.  

Motorrad Bildergalerie: Ducati Multistrada 1260 S 2018

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