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Clemens Kopecky
Autor: Clemens Kopecky
13.9.2019

H-D Low Rider S 2020 TestBack in Black

Der klingende Name ist nicht völlig neu: bereits 2016 gab es eine „Low Rider S“, damals mit dem Kürzel FXDLS als Teil der einstigen Dyna-Familie, die 2018 von Harley ersatzlos gestrichen wurde. Einige erfolgreiche Dyna-Modelle werden heute in der Softail-Modellfamilie weitergeführt – und in diese Reihe ordnet sich nun auch die brandneue Low Rider S ein. Sie ist das mittlerweile elfte Softail-Modell der aktuellen Produktpalette der US-Kultschmiede. Weil die Rahmen der Softails die optische Illusion eines ungefederten Hinterrades erwecken sollen, werden an der Low Rider S 2020 die Stereofederbeine der Dyna-Generation von einem versteckten Monoshock-Dämpfer ersetzt.

Trotz der Namensgleichheit mit ihrer Vorgängerin handelt es sich bei der Low Rider S der Softail-Reihe um ein von Grund auf neu konzeptioniertes Modell. Laut der „Company“ sind kaum Teile baugleich. Neben dem Chassis hat auch der Antrieb nichts mehr mit der „alten“ Low Rider S zu tun: statt des einstigen Screamin Eagle Twin Cam mit 110 Kubikinch Hubraumvolumen kommt nun der moderne, starr im Rahmen verschraubte Milwaukee-Eight-V-Twin mit 114 Kubikinch (also 1868 Kubik), Doppelzündung  und zwei Ausgleichswellen zum Einsatz. Er leistet in der Low Rider S 94 PS und 155 Newtonmeter bei nur 3000 Touren.

Der Power-Cruiser in minimalistischem, aggressiven „Coastal Look“ (inspiriert von den Customizing-Trends an der US-Westküste) ist von Scheitel bis zur Sohle in tiefes Schwarz getaucht – ganz konträr zum chromblitzenden Basismodell „Low Rider“ mit 107er-Triebwerk, das ebenfalls in der Softail-Familie erhältlich ist. Besonders schön gelungen die schwarze 2-in-2 Auspuffanlage im Shotgun-Style – schade, dass die serienmäßigen Auspuffanlagen bei Harley-Besitzern üblicherweise binnen weniger Tage im Kellerregal verschwinden. In punkto Sound dennoch verständlich, denn auch die Geräuschkulisse der Low Rider S lässt ab Werk zu wünschen übrig.

Silhouette und Linienführung scheinen sich auf den ersten Blick kaum von jener der Dyna-Low-Rider-S zu unterscheiden. Den Tank ziert ein Schriftzug im Stil des Low-Rider-Urmodells von 1977. Die 9-Speichen-Alufelgen, an der Front in 19 und am Heck in 16 Zoll, sind in Matt-Bronze statt dem einstigen, eher auffälligen Gold lackiert. Der straffe Solo-Sitz ist sportlich-tief auf 673 Millimetern montiert, die Fußraster recht mittig angebracht und der breite, Motocross-typisch gekröpfte Lenker in rund 10 Zentimeter hohe Riser geklemmt. Daraus resultiert eine vorderradorientierte, angriffslustige Sitzposition mit sanft nach vorne geneigtem Rücken, hoher Armposition und stark angewinkelten Beinen. Unterm Strich taugt die eigenwillige Haltung eindeutig mehr für flotte Feierabend-Runden als für ausdauerndes, stundenlanges Cruisen. Mit der deutlich kommoderen Sitzposition auf der Standard Low Rider ist die Sitzposition der S-Version jedenfalls nicht vergleichbar.

Wie erwähnt kommt im Unterschied zu den Stereo-Federbeinen an der Dyna Low Rider S nun an der Softail Low Rider S ein Showa-Zentralfederbein mit verstellbarer Federbasis zum Einsatz. Ein Setup, das hervorragend mit dem sportlichen, performanceorientierten Charakter des Power-Cruisers harmoniert. Die Abstimmung der Fahrwerkskomponenten ist zwar knackig-straff, aber gerade noch nicht unkomfortabel. Auch sonst hat Harley bei der neuen Low Rider S einen guten Kompromiss zwischen sportlicher Coolness und hoher Alltagstauglichkeit gewählt: Getriebe und Kupplung arbeiten präzise und lassen sich butterweich betätigen. Der Milwaukee-Eight 114 hängt seidig und lastwechselfrei am Gas und hat jederzeit mehr als genug Power um bei dynamischen Ausfahrten selbst mit konventionellen Power Naked Bikes mithalten zu können. Zwar würde die 117 Kubikinch-Version des Triebwerks der Low Rider S ultimative Dynamik verleihen, jene bleibt aber derzeit leider ausschließlich den CVO-Modellen vorbehalten.

Während die Bisskraft der Hinterrad-Bremse überraschend zahm ausfällt, sorgt an der Front eine 300-mm-Doppelscheibe für außerordentlich vehemente Verzögerung. Die Vierkolben-Bremssättel sind an einer massiven 43-mm-USD-Gabel von Showa verschraubt. Der Low Rider S Lenkkopfwinkel von 62 Grad ist zwei Grad steiler als jener der Standard-Low-Rider, die sich außerdem mit einer Einfach-Bremsscheibe an der Front begnügen muss. Im Vergleich zum 2016er Dyna-Vormodell steht die Gabel der neuen Low Rider S sogar vier Grad steiler: das sorgt trotz 308 Kilo Fahrzeuggewicht fahrfertig für ein beachtlich unkompliziertes Handling, solange die Lenkimpulse nicht allzu zart ausfallen. Für die passable Wendigkeit zeichnet mit Sicherheit auch der schmale 180er-Michelin-Scorcher Hinterreifen verantwortlich, der flüssige Schräglagenwechsel ohne schweißtreibenden Kraftakt am Lenker möglich macht. Kurvenwunder darf man sich von der Low Rider S dennoch nicht erwarten – ankreiden wollen wir es ihr dennoch nicht: schließlich steht bei einem waschechten Power Cruiser eher Spurstabilität als Agilität im Vordergrund. Die Schräglagenfreiheit der Fußrasteranlage überzeugt außerdem: erst bei flotter Kurvenhatz oder in Serpentinen kratzt die Low Rider S sanft über den Asphalt.

Ein konventionelles ABS ist an der Low Rider S natürlich selbstverständlich; Das brandneue, schräglagenabhängige Assistenzsystem-Paket (bei H-D RDRS genannt) mit Kurven-ABS samt  Bremskraftverteilung, dynamischer Traktionskontrolle, Berganfahrhilfe, Reifendruckkontrolle und so weiter sucht man bei den Softail-Modellen jedoch vergeblich. Es bleibt 2020 ausschließlich den Touring-Modellen (abgesehen von der Electra-Glide Standard und der Basis-Road-King) und den CVOs vorbehalten. Auch die neue HD-Connect-Smartphone-App kann mit der Low Rider S derzeit nicht gekoppelt werden.

Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht danach aussieht: Um 23.695 Euro ist die Low Rider S in der Softail-Palette tatsächlich ein richtiges Schnäppchen. Denn neben der exakt gleich teuren Fat Bob 114 ist sie die derzeit günstigste Möglichkeit sich eine Harley mit potentem 114 Kubikinch-V-Twin in die Garage zu stellen. Zumindest im markeninternen Vergleich geht das Preis-Leistungsverhältnis bei der Low Rider S damit in Ordnung. Für moderate 350 Euro Aufpreis wird in Österreich auch eine silberne (und damit deutlich weniger „böse“) Lackvariante der Low Rider S verfügbar sein.

 

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