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Clemens Kopecky
Autor: Clemens Kopecky
16.10.2019

Yamaha NikenNotizen aus dem Dauertest

Für eine Tour auf der Yamaha Niken sollte man stets viel Zeit einplanen. Nicht etwa, weil das Dreirad mit leicht modifiziertem MT-09-Dreizylinder untermotorisiert ist: 115 PS, 88 Newtonmeter, rund 3,5 Sekunden für den Tempo-100-Sprint und 190 km/h Topspeed wären auch für ein sportliches Zweirad durchaus respektable Werte. Es sind die Kaffee-, Rauch- und Pinkelpausen, die bei Niken-Ausfahrten scheinbar ewig dauern. Kaum parkt man im Gastgarten oder am Straßenrand in der Nähe von Zivilisation, kommt einen Augenblick später garantiert neugieriges Publikum angetrottet als wäre gerade ein UFO abgestürzt. Dann beginnt die langwierige Fragestunde: „Ist da in der Kurve nicht immer ein Rad in der Luft? Kann das umfallen? Bleibt das an der Ampel alleine stehen? Was bringt das zweite Vorderrad? Ist das für Behinderte? Kann man das mit Auto-Führerschein fahren? Muss man einen Helm tragen? Und überhaupt, wieso baut man sowas?“ Man hält es kaum für möglich, aber das Niken-Konzept wirft selbst bei eingefleischten Motorradfahrern scheinbar unendlich viele Fragen auf, und offensichtlich haben Yamaha und wir vom Motorradmagazin noch gewaltige Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Diesmal daher die Kurzfassung: eine Niken kann an der Ampel und sonst auch in jeder anderen Situation umfallen wie ein normales Motorrad. In Schräglage verdreht und verschiebt sich zwischen Vorderrädern und Lenker allerlei, und daher fährt die Niken durch Kurven wie ein konventionelles Zweirad und fühlt sich auch so an – mit dem wesentlichen Unterschied, dass man auch in maximaler Schräglage (die auf der Landstraße kaum auszureizen ist) volles Vertrauen in den Front-Grip haben darf. Obendrein benötigen die beiden 15-Zöller keine Aufwärmphase, man darf also schon aus der Garage heraus schwungvoll einbiegen. Streusplitt-Reste oder Bodenmarkierungen verlieren ebenfalls ihren Schrecken, da eines der Räder so gut wie immer am Asphalt haftet. Weil das Yamaha Dreirad als Motorrad typisiert ist, sind selbstverständlich ein entsprechender A-Schein samt Helm vorgeschrieben – ein Autofahrer hinter dem Niken-Lenker wäre beinahe so (ab)sturzgefährdet wie ein Lokführer am Steuerknüppel eines Jumbojets.

Stabilität und Rückmeldungen der Niken sind vorbildlich, und auch das Handling des vergleichsweise schweren Fahrzeugs geht in Ordnung. Die Vorderradführung ohne Radachse ist mustergültig, die beiden 41-Millimeter-Standrohre je Rad müssen allerhand Kräften widerstehen. 265 Kilo verteilen sich zu rund 57 Prozent auf die Vorderräder und zu 43 Prozent auf das Hinterrad, Lenkerschlagen oder Aufstellmoment beim Bremsen gibt es nicht. Erfreuliche Langstrecken sind dank der kommoden Ergonomie möglich, nur der Windschild sorgt für Verwirbelungen rund um den Helm. Unsere Dauertest-Zwischenbilanz fällt alles in allem äußerst positiv aus und wir wollen den unbeschwerten Fahrspaß und den Show-Faktor auf der Yamaha Niken nie wieder missen. Einzig der fehlende Quickshifter und das ruppig regelnde ABS stehen derzeit auf der Mängelliste.

 

 

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