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Clemens Kopecky
Autor: Clemens Kopecky
10.2.2020

Kawasaki Z H2 TestVolle Ladung

Kraftvoll gleich Hammerschlägen pulsiert das Blut durch den Körper, die Hände sind feucht vor Nervosität und der rege Trubel in der Boxengasse dringt unwirklich wie durch einen dicken Wattebausch zum Testpiloten. Eigentlich keine Ausnahmesituation für den Motorradmagazin-Redakteur, trotzdem ist es diesmal wieder ein wenig mehr als nur pure Konzentration vor den ersten schnellen Rennstrecken-Runden.

Unter uns bebt auf Standgas gierig das vierte Modell von Kawasakis H2-Serie (neben H2R, H2 und H2 SX): die nackte Z H2 – sie soll mit einem Einstiegspreis von 19.299 Euro den Kompressor-Vierzylinder endgültig salonfähig und einer großen Anzahl an Motorradfahrern zugänglich machen. (Alle technischen Infos, Farbvarianten und Preise sind hier zu finden.) Rein technisch gesehen ist sie ein direkter Nachfahre des seit 2015 erhältlichen Supersportlers Ninja H2, dessen Racing-Pendant H2R bis zu 310 PS auf den Asphalt zu stemmen vermag.

Im neuen Streetfighter-Pendant Z H2 stecken nicht ganz so viele Pferdestärken wie im Racing-Boliden H2R, mit 200 PS gehört das erste Z-Modell von Kawasaki mit Kompressor-Technik gemeinsam mit Ducati Streetfighter V4 und MV Agusta Brutale 1000 RR trotzdem zur absoluten Hypernaked-Elite. Zwar ist es nicht sein dezidierter Auftrag auf der Rennstrecke die Rundenrekorde der Konkurrenz zu pulverisieren, um die imposante Maximalleistung tatsächlich zu erfahren, bleibt dennoch kaum eine Alternative zu einem Ring-Ausflug.

In unserem Fall ist der „Ring“ genau genommen ein Oval und der Ausflug eine veritable Übersee-Reise: Unser erstes Rollout geht auf der rund 2,5 Kilometer langen Las Vegas Speedway-Strecke über die Bühne, wo auch die amerikanische NASCAR-Meisterschaft regelmäßig Station macht. Alleine das Ambiente des gigantischen mit Steilkurven gesäumten Asphaltkessels sorgt für Adrenalinschübe, noch bevor der erste Gang überhaupt eingerastet ist. Obendrein will Kawasaki mit der bulligen Z H2 endgültig in den Naked-Bike-Olymp vorstoßen. Und in wenigen Sekunden werden wir die Erfolgschancen abschätzen können.

Gang einlegen, Drehzahl erhöhen, einkuppeln. Wie mit Scheuklappen rollen wir durch die Boxengasse und lauschen dem dezenten Säuseln des 998-Kubik-Aggregats. Beim Vollgas-Beschleunigen hat die Wheeliekontrolle alle Hände voll zu tun die steigende Front in Zaum zu halten. Beim Durchrepetieren der ersten fünf Gänge leistet der Schaltassistent souveräne, ruckfreie Arbeit. Eigentlich wollen wir uns erst einige Runden an die Eigenheiten der Z H2 und besonders der Steilkurven gewöhnen, uns vorsichtig mit der vermeintlichen 200-PS-Rakete anfreunden. Aber schon nach der Aufwärmrunde fühlen wir uns im kernig gepolsterten Sattel wie daheim.

Sollen wir tatsächlich weiterhin zahnlos mit gewaltigen Sicherheitsreserven unsere Runden ziehen? Schwamm drüber, es ist Zeit die Daumenschrauben anzuziehen. Allzu präzise trifft die Kawa die angesteuerten Linien, bleibt spurtreu in der Umlaufbahn und verfügt trotz der kompakten Plexiglasscheibe über erstaunlichen Windschutz, sofern man sich eng an den 19-Liter-Tank kuschelt.

Weiter und weiter reißen wir die elektronischen Drosselklappen auf und lassen die Kawa tief Luft holen. Im Handumdrehen spielt sie ihr Ass aus und beantwortet schlagartig die Frage, welches Merkmal sie von einem „normalen“ Z-Naked-Bike besonders abhebt: Das unendliche Schmalz des H2-Modells reicht um jeden Speedfreak vor Freude in den Helm brüllen zu lassen. Im Handumdrehen zaubert das stabile Kompressor-Bike mehr als 260 km/h auf den Tacho und pfeift wie ein Indianerpfeil mit dem Schub einer Trägerrakete durch das gigantische Oval.

Das charakteristische Zwitschern des 69 Millimeter großen, CNC-gefrästen Supercharger-Impellers dringt nur beim Lupfen des Ride-by-Wire-Gasgriffs am Steilkurven-Eingang dezent durch das ohrenbetäubende Tosen des Fahrtwinds. Kraft hat die Z H2 in jeder Lebenslage mehr als genug, selbst im vierten Gang sind Power-Wheelies noch an der Tagesordnung. Dabei überrascht das Triebwerk mit unfassbarer Kultiviertheit und Laufruhe: lästige Vibrationen sucht man absolut vergeblich, egal bei welchem Tempo. Hier liegt eindeutig ein gewaltiger Pluspunkt eines Kompressors: die Leistung entfaltet sich druckvoll und gleichzeitig seidenweich über einen beachtlich großen Bereich des Drehzahlbandes. „Mission Highspeed“ absolviert die Z H2 unterm Strich ausschließlich mit Bestnoten – sofern man das klassentypische Fehlen einer schützenden Vollverkleidung außer Betracht lässt.

Weil Highspeed-Kreiseln denkbar wenig Möglichkeiten zum Testen von Bremsanlage, Handling und Ergonomie bietet, wechseln wir auf eine „klassische“ Rennstrecke nur wenige Meter außerhalb des NASCAR-Ovals. In der Anbremszone verzögern die bewährten Brembo-Monoblock-Vierkolbenbremszangen M4.32 mit Nissin-Bremspumpe erstklassig dosierbar und ohne Anzeichen von Schwäche. Die Showa-Gabel mit 43 Millimetern Standrohrdurchmesser taucht wegen der soften Abstimmung und der spürbaren Frontlastigkeit der Z H2 jedoch tief ein und erfordert am Einlenkpunkt Fingerspitzengefühl am Handbremshebel, während gleichzeitig ein deutlicher Steuerimpuls am hohen Lenker notwendig ist. Ganz besonders wegen des rutschigen Asphalts der amerikanischen Teststrecke will man dem Pirelli Diablo Rosso 3 an der Front keinesfalls allzu viel seitlichen Druck zumuten.

Beim schnellen Herunterschalten klappen Gangwechsel dank des Quickshifters mit Blipper-Funktion fantastisch reibungslos, während des harten Ankerns tendiert das Kurven-ABS aber selbst im „Sport“-Fahrmodus zu frühzeitigen Interventionen und verlängert auf der Rennstrecke so den Bremsweg. Die ebenfalls softe Federbeinabstimmung sorgt in Schräglage für frühes Schraddeln der Fußraster am Asphalt.

Kurz gesagt: für ambitionierten Rennstreckeneinsatz fällt das Setup der fahrfertig 239 Kilo schweren Z H2 ein Alzerl zu soft und defensiv aus. Kurzweiligen Track-Days im Sattel der Z H2 steht dennoch nichts im Wege, sofern man einen runden Fahrstil an den Tag legt und der allzu ehrgeizigen Rundenzeit-Hetzjagd abschwört. Im Rennstreckenbetrieb schlägt sich die Kompressor-Kawa zwar wacker und solide, ihre großen Stärken kann sie hier jedoch nicht ausspielen.

Kommen wir zu guter Letzt zum wohl wichtigsten Einsatzbereich der Z H2: der Landstraße. Hier ist das Kompressor-Naked-Bike voll und ganz in seinem Revier. Butterweich surft die nackte H2 durch die weiten Radien Nevadas und gleitet selbst in Schräglage komfortabel über sämtliche Bodenunebenheiten, während sie stoisch die angepeilte Linie hält. Tatsächlich schafft sie in allen Belangen den scheinbar unmöglichen Spagat zwischen spektakulärer Schubkarre und unprätentiösem Partner fürs Leben.

Zwar teilt die Z H2 ihre DNA unter anderem mit dem hauseigenen H2-Supersportler, ergonomisch unterscheiden sich die beiden Fahrzeuge jedoch wie Melkschemel und Ohrensessel. Während das Superbike den Piloten mit niedrig montierten Lenkerstummeln über den Tank spannt und die hoch montierten Fußraster zu einer tiefen Kniebeuge zwingen, dominiert im geräumigen, 830 Millimeter hohen Sattel der Z H2 die Gemütlichkeit. Der breite Lenker streckt sich dem Fahrer einladend entgegen, die entspannte Beinhaltung erlaubt ausgedehnte Ausfahrten und der Rücken ist beinahe so aufrecht wie auf einer Reiseenduro.

So lässt es sich stundenlang herrlich brav durch die Landschaft gleiten – stets mit dem beruhigenden Wissen im Hinterkopf, dass man jederzeit ein böser Bube sein könnte, wenn man nur wollte. Die Abstimmung von Kurven-ABS und Traktionskonrolle passt wie angegossen zu flottem Tourenbetrieb. Lediglich beim kupplungsfreien Herunterschalten leistet sich der Schaltassistenz kleine Nickbewegungen, die im Rennstreckenbetrieb so nicht zu spüren sind.

Für zügige Landstraßentouren, entspanntes Dahingleiten im Alltag oder auf der Autobahn und gelegentliches Luftschnappen auf der Rennstrecke ist die Z H2 damit allererste Wahl, ebenfalls um am Stammtisch mit der Exklusivität eines Kompressormotors und der exorbitanten PS-Zahl zu protzen. Wer ernsthaft Rundenzeiten vaporisieren oder im kurvenreichen Winkelwerk die Zähne fletschen will, findet dagegen geeignetere Waffen im umfangreichen Arsenal der Streetfighter. Unterm Strich wird man die Z H2 nach einer Probefahrt entweder lieben oder hassen, kalt lässt sie bestimmt niemanden. Sie garantiert jedenfalls ein emotionales Erlebnis der Extraklasse – und bringt erfrischend neuen Wind in das Segment der Power-Naked-Bikes.

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