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Christoph Lentsch
Autor: Mag. (FH) Christoph Lentsch
christoph.lentsch@motorrad-magazin.at
14.12.2020

Suzuki GSX750FPurple Pain

Jetzt bin ich ja von Haus aus ein ängstlicher Mensch. Aber als ich das verzerrte Gesicht meiner Frau gesehen habe, hätt ich mir wirklich fast in die Hosen gemacht. Was, wenn ihr die Fratze bleibt? Niemand würde mehr annehmen, dass ich unendlich viel Geld haben müsse, um dieses Prachtstück an meiner Seite halten zu können. Aber ich kann Sie beruhigen. Sie hat sich beruhigt. Aber es hat seine Zeit gedauert. Es ist jetzt schon ein paar Monate aus, dass wir bei einem Motorradhändler, hinten, im letzten Container, quasi am Ende der Welt standen.

Es war der überdachte Friedhof gebrauchter Motorräder, die niemand je wieder fahren wird wollen. Mein Verdacht ist, dass man den Container so lange befüllt, bis wirklich nichts mehr reingeht, und dann alles zusammen einfach verschrotten lässt. Genau da drinnen stand sie. Meine Frau, mit dem entglittenen Gesicht. Und die Suzuki GSX 750 F. Lila Sitzbankl, lilane Felgen, ein Metallic-Lack, dessen Metallspäne so groß sind, dass man sie mit ein bisserl gutem Willen und normaler Sehkraft, mit freiem Auge zählen kann.

Das Rücklicht größer als ein Kuchenblech, noch mit einem Choke am linken Lenkerbedienfeld. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und das wusste meine Frau. „Bitte nicht dieses Stück Purple Pain“, schluchzte sie verzweifelt. „Ist sie nicht wunderschön?“, fragte ich. „Nein“, seufzte sie, „sie ist furchtbar hässlich“. „Du findest sie doch auch schön“, sagte ich. Sie drehte sich am Absatz um und verließ den Container. Ihre Fratze dürfte der Verkäufer nicht gesehen haben, so wie er mich anstrahlte. „Ich mach dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst“, sagte er lächelnd. „Kumm, wir gehen“, rief meine Frau in den Container – nicht lächelnd. 

Wir gingen. Ohne die Suzuki. Die wurde mir wenige Tage später nach Hause zugestellt. Seit damals sind wir zusammen, die Purple Pain und ich. Meine Frau weigert sich damit zu fahren, sie weigert sich auch hinten aufzusteigen. Offiziell finde ich das natürlich sehr schade. Darum frag ich auch regelmäßig nach, ob sich an dieser Situation etwas geändert habe. Dann macht sie wieder das Gesicht, und mir fällt der Abschied vor der darauf folgenden Ausfahrt gleich ein wenig leichter. Inzwischen weiß ich ja, dass sie wieder zauberhaft schön sein wird, wenn ich heim kommen werde. Ich kann es mir zwar nicht vorstellen, aber vielleicht tut ihr die Zeit ohne mich doch gut.

Das ist beim Sigi anders. Der freut sich immer, wenn er mich sieht. Nein, der tut nicht nur so – ich weiß genau, was Sie denken. Ich hab auch einen Beweis. Als ich ihm nämlich ganz stolz meine Suzuki zeigte, musterte er mich von oben bis unten und meinte, er habe eine Lederkombi, die mir und zur GSXF passen würde. Ein Dainese-Leder aus den frühen 90er-Jahren. Wie er die Farben bezeichnete, weiß ich nicht mehr. Scheußlich, glaub ich. Aber da muss man halt auch anfügen, dass der Sigi eine gröbere Sehschwäche haben dürfte. Denn die Kombi ist Größe 50. Eine italienische Größe 50. Das bin ich schon länger nicht mehr. 

Aber allein aus Dankbarkeit und Freude gelingt es mir oft stundenlang die Luft anzuhalten, um das edle Leder auf der Suzi ausführen zu können. Und mah, dieses Eisen ist so herrlich zu fahren. In den Papieren steht, dass sie auf 74 PS gedrosselt sei. Aber ich hab den Verdacht, dass irgendwann in den letzten 24 Jahren da was Drosselndes verlustig gegangen sein muss. Kann aber auch sein, dass sie sich nur wegen der lausigen Bremse so stark anfühlt. Wenn man am Handhebel zieht, bremst die Lilane nämlich nicht, sie wird nur schneller langsam.

Die Fußbremse, die man auf der 231 Kilogramm schweren Fuhr also permanent braucht, hat es aber auch in sich. Die dürfte damals schon digital gewesen sein. Weil zwischen NULL Bremswirkung und dem blockierenden Hinterrad dürfte es keine Bedienungsmöglichkeit geben. Das macht aber gar nichts. Ganz im Gegenteil, habe ich rausgefunden. Wenn ich meine Hausrunde fahre, dann warten sie schon, die Halbstarken, mit ihren schweren italienischen und japanischen Eisen, ihren glänzenden Knieschleifern, die niemals Staub und erst recht nicht Asphalt gesehen haben, und warten auf einen alten Trottel wie mich, der einmal im Jahr sein Uralt-Eisen im übervorgestrigen Leder ausführt. 

Zur Sicherheit trage ich bei solchen Ausfahrten selbstverständlich einen Klapphelm, den ich erst zittrig schließe, wenn ich an den Möchtegern-Racern vorbeizuckle. Dann geben wir der Meute ein paar Meter, damit sie aufschließen kann. Und bevor der erste vor einer Kurve zum Vollstrecken ansetzt, bleib ich halt ein bisserl länger am Gas. Weil wenn ich mit dem blockierten Hinterradl in die Kurve einlenke, dann zeigt das Vorderradl schon einmal in Richtung Ausgang und man kann sich genüsslich der Schräglage und dem Gasgeben widmen.

Mit dem schmalen Hinterreifen lässt sich die lila Blunzen zudem so herrlich einfach umlegen, dass man in der leichtesten Kurve schon mit dem Knie runter kommt – das mach ich aber nie mit dem schönen Dainese-Leder, weil das keine Kniepackln hat. Dafür hab ich ein ausreichend eingestürztes Alpinestars, mit Metall-Knieschleifern, die sich beim Aufsetzen anhören, als würde man gerade stürzen. Das macht die Halbstarken fertig. Bin gespannt, wann der erste seine neue Duc gegen eine alte lilane Suzuki tauscht. Das wird ein Trend. Ich sags euch.

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