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Clemens Kopecky
Autor: Clemens Kopecky
2.3.2021

KTM 890 Adventure 2021 TestGute Sitten

Ein allzu langes Leben war ihr wirklich nicht gegönnt: Erst Anfang 2019 manövrierten wir die KTM 790 Adventure auf ihrer Jungfernfahrt durch das Dünenmeer Marokkos, jetzt wird das Modell schon wieder abgelöst – oder positiv formuliert: „einem drastischen Upgrade unterzogen“. Beim Naked Bike 790 Duke hat KTM das Prinzip bereits vorexerziert: ihr Hubraum wurde von 799 auf 889 Kubik erhöht und so die Grundlage für das 890 Duke R getaufte, neue Modell geschaffen. Exakt diesem Schema folgt man nun auch bei den Reiseenduros – mit dem gravierenden Unterschied zur Duke-Serie, dass die für 2021 frisch präsentierte 890 Adventure ihrem 790er-Vorgänger nicht ergänzend zur Seite gestellt wird, sondern ihn in der orangen Produktpalette wohl ablöst. Zu guter Letzt wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass dem Motorradmagazin bereits jetzt Erlkönig-Fotos einer optisch völlig neu designten 890 Adventure vorliegen, die KTM wohl spätestens 2022 aus dem Hut zaubern wird. Im Reiseenduro-Segment der Mattighofener dürfte so bald also keine Ruhe einkehren.

Aber zurück zum Hier und Jetzt. Wären da nicht die verräterischen Tank-Aufkleber, würde das Modell-Update wohl kaum jemandem auffallen. Rein optisch ziehen auf den ersten Blick vor allem die auf unserem Testfahrzeug montierten PowerParts (höhere, einteilige Sitzbank, Carbon-Tankprotektoren, eloxierte Ausgleichsbehälter-Deckel, Akrapovic-Auspuff) die Aufmerksamkeit auf sich.  Man will wohl davon ablenken, dass es sonst gar nicht viel Neues zu entdecken gibt – zumindest nicht ohne Lupe und Direktvergleich mit dem Vormodell. Am WP-Federbein finden wir dann doch endlich das bei der 790 Adventure schmerzlich vermisste Handrad für die Einstellung der Federvorspannung, die Druckstufe des Dämpfers kann nun ebenfalls manuell adaptiert werden. Kleine Details an der Hitzeableitung der Bremsanlage wurden ebenfalls optimiert, die Kupplung mit neuen Belägen und besserer Ölversorgung verstärkt, die Radnaben werden eloxiert statt bisher pulverbeschichtet. Dass die 890 Adventure mit 215 Kilo nun fünf Kilo mehr auf die Waage bringt, geht wohl großteils auf das Konto der nun für Euro-5 modifizierten Auspuffanlage – ein Detail, das wir angesichts des Akrapovic-Systems an unserer Test-890 ebenso wenig verifizieren können wie den Sitzkomfort auf dem sonst serienmäßigen Stufen-Sattel. 

Konzentieren wir uns daher voll und ganz auf das Herz der 890 Adventure: wie erwähnt wurde das Brennraumvolumen rund zehn Prozent erhöht. In Kombination mit einer stärkeren Verdichtung (13,5 statt 12,7:1) , ein Millimeter größeren Ventilen und schärferen Steuerzeiten zerrt die 890 mit 105 PS an der Kette, das Drehmoment wurde auf 100 Newtonmetern gesteigert – unterm Strich steigt sie also mit 10 PS und 12 Newtonmetern mehr in den Ring als ihr 790 Vormodell. Kolben, Pleuel, Ausgleichswellen, Kurbelgehäuse und so weiter blieben ebenfalls nicht unangetastet und wurden an das Hubraum-Upgrade adaptiert. Vor qualitativ schlechtem Benzin in entlegenen Regionen des Globus muss sich der KTM-Pilot dank des nun implantierten Klopfsensors der 890 Adventure ebenfalls nicht mehr fürchten.

KTM-Kenner könnten nun zu Recht kritisch anmerken, dass der zierliche DOHC-Paralleltwin im Naked-Bike-Pendant 890 Duke R sogar satte 121 PS auf den Asphalt stemmt. Wohin bei der Adventure-Version dieses Feuer verschwindet, ist leicht erklärt: weil man sowohl im Reise- als auch Offroad-Einsatz auf aggressive Power in hohen Drehzahlen gut und gerne verzichtet, wurde die frisch erwachte Potenz bei der 890 Adventure in zusätzliches Drehmoment im mittleren Tourenbereich investiert. Das spürt man in der Praxis mindestens genauso deutlich wie die um zwanzig Prozent größere Schwungmasse an der Kurbelwelle. Der aufgemotzte Reihenzweizylinder hat nichts von seiner gewohnten Spontanität verloren und sprintet explosiv wie Usain Bolt vom Kurvenausgang bis zum nächsten Bremspunkt. Der frappante Unterschied zur 790er-Konfiguration offenbart sich aber besonders beim entschlossenen Durchzug bei niedrigen und mittleren Umdrehungen. 

Im dritten Gang kultiviert und ohne Kettenschlagen durch die Tempo-40-Zone rollen und dennoch sprungbereit für die grün blinkende Ampel sein? Gar kein Problem. Im zweiten Gang um engste Haarnadelkurven tuckern, ganz ohne Ruckeln oder Zuckeln im Antriebsstrang? Bitte, gerne! Einen steilen Gelände-Hang knapp über Standgas hinaufeiern ohne den Motor abzuwürgen? Die 890 Adventure schafft es ohne scheppernde Schnappatmung. Kurz gefasst: Der KTM-Pilot darf die Drehzahl tiefer absacken lassen als bisher und sich gleichzeitig über eine spürbare Optimierung der Laufruhe, vor allem bei Konstantfahrt, freuen – die Extraportion Muskelschmalz für die ambitionierte Kurvenhatz gibt es quasi als willkommenen Bonus obendrauf. 

An der 890 Adventure spürbar nachgebessert wurde außerdem der optionale Quickshifter mit Blipper-Funktion, der gemeinsam mit nun kürzeren Schaltwegen ab sofort nahtlose, präzisere Gangwechsel garantiert. Neben dem Quickshifter+ finden wir übrigens auch den Tempomaten, die Motorschlupfregelung und das Rallye-Pack (entsprechendem Fahrmodus, neunstufig justierbarer TCS und justierbarer Gasannahme) derzeit auf der Aufpreisliste. 

Abgesehen vom motorischen Feinschliff im Vergleich zur 790 konnten wir nach knapp dreihundert Kilometern Fahrbetrieb an der 890 Adventure kaum nennenswerte Unterschiede zum Vormodell eruieren, im Gegenteil. Bei der Fahrdynamik bleibt alles wie gehabt. In puncto Handling kann der orangen Mittelklasse-Reiseenduro dank des tief nach unten gezogenen 20-Liter-Tanks nach wie vor kein Konkurrent das Wasser reichen. Die Straßenlage ist satt, das Chassis mit 21-Zoll-Vorderrad gewohnt spurtreu. Assistenzsysteme und Bremsanlage erweisen sich nach wie vor als souverän. Auch der Reisekomfort geht wie gewohnt in Ordnung – von der straffen Sitzbank-Polsterung und dem etwas zu knapp geschnittenen Plexiglas-Windschild einmal abgesehen. Trotz des Antriebsupdates bleibt die Adventure-KTM ihrem gewohnten Charakter treu. Wer bereits eine 790 Adventure sein Eigen nennt, darf also beruhigt sein: die 890 kann nicht so viel besser, dass ein Umstieg unumgänglich wäre. All jenen, die hingegen schon länger mit der orangen Reiseenduro liebäugeln und bisher unentschlossen waren, sei die Anschaffung der feingeschliffenen 890 Adventure nun wärmstens ans Herz gelegt.

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