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Christoph Lentsch
Autor: Mag. (FH) Christoph Lentsch
christoph.lentsch@motorrad-magazin.at
19.2.2020

Triumph Tiger 900 TestPro-Models

Zwei Modelle, zwei Fahrtage. Klingt logisch, ist aber selten. Genau genommen durften wir beim Presslaunch der Triumph Tiger 900 in Marokko dreimal aufs Motorrad, zweimal davon freiwillig. Denn vor dem Rückflug mussten wir noch die Fahrzeuge vom zweiten zum ersten Hotel nach Marrakesch überstellen. Start: 6.15 Uhr. Temperatur: 8,5 Grad. Sonnenaufgang: 8.15 Uhr. Aber als echter Abenteurer muss man da durch  – und dafür braucht man die richtige Partnerin. Stellt sich die Frage: Ist die neue Tiger eine echte Abenteurerin?

Es gibt fünf Modelle in der 900er-Tiger-Palette. Das Einsteigermodell heißt schlicht Tiger 900 und kommt mit dem Notwendigsten wie zwei Fahrmodi (Road, Rain) und nicht-schräglagenabhängigen Assistenzsystemen und sogar ohne 7-Zoll-TFT –Display und Handguards aus. Von den straßen- beziehungsweise geländeorientierteren Modellen GT und Rally gibt es jeweils noch eine Topversion mit dem Zusatz „Pro“. Die normalen Ausführungen haben vier Fahrmodi, die GT Pro fünf und die Rally Pro sogar sechs. Ebenfalls nur den Pro-Modellen vorbehalten ist der Quickshifter.

Für den leichten Aufstieg beim Einstieg in die Motorradwelt empfiehlt sich schließlich noch die Low-Ride-Version, das eigentlich sechste Modell der Baureihe, mit einer Sitzhöhe von nur 760 bis 780 Milimetern. Auch bei den anderen Versionen lässt sich der Sitz um 20 Millimeter versetzen, von 810 bis 830 Millimeter an der GT und von 850 bis 870 Millimeter an der Rally. Der Höhenunterschied ergibt sich vor allem aus den unterschiedlichen Fahrwerken. In der GT dämpfen Komponenten von Marzocchi mit 180 und 170 Millimeter Federweg, in der Rally Elemente von Showa mit 240 und 230 Millimeter Federweg – das sind um 20 bzw. 15 Millimeter mehr als zuvor. Entsprechend erhaben thront man vor dem 20-Liter-Tank und staunt über den übergroßen TFT-Bildschirm unter dem mechanisch fünffach-verstellbaren Windschild.

Der Lenker ist breit, die Bedienelemente sind mit ein paar Extras (Schaltautomat, Heizgriffe, Sitzheizung) zahlreich, aber fehlerfrei zu bedienen. Auch die Navigation durchs Menü gelingt schon nach kurzer Zeit intuitiv, obwohl die Einstellmöglichkeiten mannigfaltig sind. Neben der Wahl der Fahrmodi und verschiedenen Anzeigeformaten inklusive Farbtöne kann der Bordcomputer auch mit der Triumph-App verbunden werden. Dies ermöglicht zum Beispiel die Anzeige eines Navis mittels Richtungspfeilen über ein neuartiges Kartographierungssystem, das sich „what3words“ nennt. Die ganze Welt wurde in 3x3 Meter große Quadrate eingeteilt und jedes Quadrat erhielt eine eindeutige Bezeichnung aus drei durch Punkte getrennte Wörter. Die machen nicht unbedingt Sinn, so befindet sich unser Büro am Standort ///rente.käse.selten, aber das System selbst macht einen. Leider funktionierte die Verbindung wieder mal mit unserem alten Handy nicht einwandfrei. Eine Erfahrung, die wir bereits mit Kawasakis rideology-App machen mussten.

Wir sind aber wie immer nicht zum Computerspielen, sondern zum Motorradfahren da, über einsame wie einwandfreie Asphaltbänder, wo sich hin und wieder eine Landschildkröte auf der Mittelauflage sonnt, oder eine Herde Ziegen nach der schnellen Rechts lauert, und über Schotterstraßen und durch Steinwüsten. Erneut kann man drüber diskutieren, ob dieses Gelände die Bezeichnung „Offroad“ verdient hat, der Untergrund verlangte jedenfalls nach voller Konzentration. Solange man es nicht mit steilen An- und Abfahrten zu tun hat und zum losen Untergrund auch noch Wasser dazukommt, kann im normalen Offroad-Modus gefahren werden. Profis werden aber dem Namen entsprechend den Offroad-Pro-Modus wählen, der ABS und TC deaktiviert.

Die Pirelli Scorpion Rally (optional) beißen sich ins Gestein und schaufeln durch den Sand und machen es einem leicht, das Motorrad mit dem linearen Gasgriff zu steuern und stabil zu halten. Ordentlichen Biss haben auch die neuen Stylema-Bremszangen von Brembo mit 320-Millimeter-Scheiben vorne, die die 201 Kilogramm (trocken) leichte Rally Pro verlässlich und auf den Punkt verzögern. Der schlanke Körperbau in der Mitte um den Gitterrrohrramen ermöglicht große Bewegungsfreiheit in alle Richtungen – eine unverzichtbare Voraussetzung für den Einsatz im Gelände. Dafür wurde auch der Lenker um 10 Millimeter näher zum Fahrer gerückt und die Fußrasten neu positioniert.

Die Hubraumerweiterung auf 900 Kubik und die neue Zündfolge von 1-3-2 haben der Tiger gut getan. Der Motor hört sich nicht nur voller und schärfer an, er soll um 10 Prozent mehr Drehmoment ausschütten und um neun Prozent mehr Leistung im mittleren Drehzahlbereich liefern. Wir stehen also bei 95 PS und 87 Newtonmetern. Noch im fünften und sogar sechsten Gang bei 130 km/h beschleunigt das Motorrad sauber und druckvoll weg. Im Gegenzug kann man entspannt im vierten Gang mit 40-50 km/h durch die Dörfer tuckern, ohne von Fahrruckeln genervt zu werden. Diese Leistung bringt die GT Pro mit der serienmäßigen Metzeler-Tourance-Next-Bereifung und dem 19-Zoll-Vorderrad am besten auf die Straße. Ihr fehlt es zwar etwas an Schräglagenfreiheit, aber das macht sie mit mehr Vertrauen in die Front und einem direkteren Bremsgefühl wett.

Das Beste an ihr ist aber die elektronische Verstellmöglichkeit des Federbeins. Auch während der Fahrt kann der Fahrer blitzschnell die Vorspannung auf die klassischen Situationen Fahrer, Fahrer-Beifahrer, Fahrer-Gepäck und Fahrer-Beifahrer-Gepäck anpassen – was wohl eher vor der Fahrt erledigt werden wird. Außerdem kann aber noch die Härte des Federbeins eingestellt werden, von komfortabel bis sportlich. Und diese Veränderung ist in der Sekunde der Adaption spürbar. Keine Frage: Für den reinen Straßeneinsatz sind Tiger 900 und GT die bessere Wahl, die GT Pro die beste. Aber Rally und vor allem Rally Pro sind die kompletteren Adventure-Bikes. Wie notwendig man diese Geländegängigkeit braucht und wie viel man sich am Ende zutrauen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Die Tiger ist jedenfalls gewiss eine echte Abenteurerin.

Die Fahrmodi der Tiger 900 im U?berblick:

  • Rally Pro: Regen, Straße, Sport, Off-Road, Fahrer-konfigurierbar, Off-Road Pro ?
  • Tiger 900 GT Pro: Regen, Straße, Sport, Off-Road, Fahrer-konfigurierbar
  • Tiger 900 Rally & Tiger 900 GT: Regen, Straße, Sport, Off-Road
  • Tiger 900: Regen & Straße

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