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Peter Schönlaub
Autor: Peter Schönlaub
peter.schoenlaub@motorrad-magazin.at
29.2.2020

Neue Yamaha Tracer 700 im TestAlleskönner im zweiten Anlauf

Wer würde sich nicht ein Motorrad wünschen, das fast alles kann? Wendig durch die Stadt, versiert beim Reisen, freudvoll bei geschwinderen Etappen, dabei sparsam im Verbrauch und günstig in der Anschaffung. Leider ist die eierlegende Wollmilchsau so selten anzutreffen wie das Einhorn oder ein Wolpertinger.

Wer nach einem solchen Motorrad sucht, der könnte aber jetzt bei Yamaha fündig werden. Die Japaner renovieren nach nicht einmal vier Jahren die Tracer 700 und machen aus dem sehr konservativen Sporttourer mit kleinen Schwächen einen attraktiven Allrounder mit dem Zeug zum Bestseller.

Wichtigster Punkt beim Reload war das Design. Man erkennt es sofort: Hier wurde nun deutlich aggressiver und dynamischer gezeichnet, wobei die Gesichtszüge der YZF-R1 zum Vorbild genommen wurden. Halbschale, Scheibe, Tank, Sitzbank sind völlig neu, die gesamte Lichtanlage arbeitet nun mit LED-Technologie. Die beiden Augenbrauen sind übrigens die Positionsleuchten, die beiden unteren Glaskugeln die Abblend- und Fernlichter. Ein Tagfahrlicht wurde nicht eingeplant.

Parallel zu den optischen Retuschen verbesserten die Yamaha-Ingenieure auch einige funktionale Elemente. Die Scheibe lässt sich nun mit einer Hand auch während der Fahrt einfach verstellen (um 65 Höhen-Millimeter), der Lenker wurde um 34 Millimeter breiter und entschärfte damit einen der größten Kritikpunkte. Auch das Cockpit ist neu, zwar mit LCD, aber weißen Zahlen auf schwarzem Grund und entsprechend fein abzulesen. Durch die Infos zappt man einfach per Wippschalter am linken Lenker. Links und rechts sind die Aussparungen für die nachrüstbaren USB- und 12V-Steckdosen.

Auch das Fahrwerk wurde verbessert: Die 41er-Telegabel arbeitet nun mit Cartridge-Technologie und ist in Vorspannung und Zugstufe verstellbar – genauso wie das Federbein am Heck (bislang nur in Vorspannung).

Eingriffe waren auch beim bekannten Zweizylinder notwendig. Der populäre CP2 (wird auch in MT-07, XSR 700 und Ténéré 700 eingebaut) tritt hier erstmals mit Euro-5-Homologation auf. Die Leistungswerte bleiben vom Update unverändert, die Spitzenleistung von 74 PS liegt sogar ein paar Umdrehungen früher an – und dank einer kürzeren Endübersetzung (zwei Zähne mehr am Kranz) profitiert auch das Beschleunigungsvermögen. Das Mehrgewicht durch die aufwendigere Abgasreinigung wird durch eine leichtere Batterie, die LED-Scheinwerfer und ein paar andere Einsparungen kompensiert. Weiterhin liegt man also bei niedrigen 196 Kilo vollgetankt.

Weiterhin puristisch – und dem Angebot der Klasse angemessen – bleibt die Tracer 700 in Sachen Komfort und Assistenzsysteme: Man bietet weder Traktionskontrolle noch Fahrmodi, Kurven-ABS, Tempomat, Quickshifter oder Connectivity.

Dafür wird nun ein Fahrerlebnis geboten, das im Vergleich zum bisherigen Modell deutlich gereift und entsprechend souveräner ist. Im Zentrum stehen dabei Leichtigkeit und Unkompliziertheit aller Abläufe. Mit der nun viel besseren Ergonomie sitzt man entspannt auf 840 Millimeter Sitzhöhe und dirigiert die Tracer 700 mit leichter Hand durchs Geläuf.

Die Kupplung zieht sich leicht, die Gänge rasten knackig ein, die Bremsen verzögern fein, aber nicht giftig, das Einlenken funktioniert spielerisch, aber doch präzise. Dank des verbesserten Fahrwerks liegt die Tracer auch extrem souverän in Schräglage, kippt aber mit geringem Aufwand von einer Seite auf die andere. Das bislang etwas störende Aufschaukeln oder „Pumpen“ des Fahrwerks ist verschwunden, jetzt kann man auch forcierter Angreifen, falls der Hafer sticht.

Auch das wird vom famosen Motor unterstützt. Der Bursche läuft deutlich unter 3000 Umdrehungen schon schön rund und zieht da schon harmonisch nach oben. Ab etwa 6000 Umdrehungen wird’s nochmals lebendiger, da bekommt man bis 9000 noch einen fetten Punch serviert, den man der Tracer von der Papierform her nicht zutrauen würde. Einziger kleiner Kritikpunkt: Ab etwa 115 Stundenkilometer spürt man leichte Vibrationen, hauptsächlich am Lenker.

Bei längeren Touren wiederum freut man sich über die gute Reichweite, befeuert vom niedrigen Verbrauch: 4,3 Liter sind es im WMTC-Test, nach unseren forschen, gebirgigen Testfahrten zeigte der Bordcomputer 4,8 Liter; 350 Kilometer am Stück sollten also auf jeden Fall drin sein.

Der Windschutz ist dabei gut, kann mit der kleinen Scheibe aber keine Wunder bewirken. Das Verstellen zeitigt weniger Wirkung als wir vermutet hätten, insgesamt wird der Körper aber gut vom Druck entlastet, der Helm liegt aber im Wind, immerhin fast völlig frei von Verwirbelungen. Wer mehr will, kann die richtig mächtige Scheibe aus dem Zubehörprogramm ordern.

Nicht ganz glücklich waren wir mit dem Langstreckenkomfort des Sattels. Am Anfang wirkt er wolkenweich, um sich bald als zu weich herauszustellen und für Hinternschmerzen zu sorgen. Auch hier sollte ein Zubehörprodukt für Abhilfe sorgen: die Komfortsitzbank.

Letztlich noch ein Wort zum Soziuskomfort: die Beinfaltung ist exzellent, die Sitzfläche taugt aber kaum für einen Nordkap-Trip. Hier stößt ein kompakteres Bike wie die Tracer 700 dann doch an ihre Grenzen, auch hinsichtlich der motorischen Reserven, die für den Solobetrieb erstaunlich munter sind, für zwei Personen samt Gepäclk aber dann wohl grenzwertig.

Weiterer Pluspunkt: das extrem reichhaltige Zubehörprogramm, mit dem Yamaha auch vier Pakete konfektioniert (Fotoshows davon findet ihr unten).

Und noch ein kleiner Wermutstropfen: Die Yamaha Tracer 700 wurde in Österreich um 500 Euro teurer, mit 9299 Euro liegt man aber immer noch deutlich im vierstelligen Bereich und bietet viel Motorrad fürs Geld. Wie viel genau, das wollen wir in diesem Jahr noch genauer herausfinden: ab Ende März tritt eine Tracer 700 ihren Dienst in der Motorradmagazin-Dauertestgarage an. Wir sind schon gespannt, ob sich der erste positive Eindruck im Verlauf der Saison bestätigt – oder Haare in der Suppe auftauchen. Stay tuned!

Yamaha Tracer 700 – technische Daten

Zweizylinder-Reihenmotor, DOHC, 8V, flüssig gekühlt
Hubraum: 689 ccm
Bohrung/Hub: 80 x 68,6 mm
Verdichtung: 11,5:1
Leistung: 54 kW (74 PS) bei 8750 U/min
Max. Drehmoment: 68 Nm bei 6500 U/min
6-Gang-Getriebe 

Stahlrohr-Brückenrahmen 
Alu-Zweiarmschwinge
41-mm-Telegabel, Vorspannung und Zugstufe verstellbar
Zentralfederbein, Vorspannung und Zugstufe verstellbar
Federwege: 130/142 mm
Reifen: 120/70-17 und 180/55-17
Bremsen vorne: zwei 282-mm-Scheiben 
Bremsen hinten: eine 245-mm-Scheibe 

Radstand: 1460 mm
Sitzhöhe: 840 mm 
Nachlauf: 90 mm 
Lenkkopfwinkel: 24,8°
Tankinhalt: 17 l
Gewicht vollgetankt: 196 kg

Verbrauch: 4,3 l/100 km
CO2: 100 g/km

Yamaha Tracer 700 mit Sport Pack

Yamaha Tracer 700 mit Travel Pack

Yamaha Tracer mit Urban Pack

Yamaha Tracer 700 mit Weekend Pack

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Sporttourer:

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