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Christoph Lentsch
Autor: Christoph Lentsch
25.1.2021

Royal Enfield Bullet Trials 500Mit Schirm, Charme und einen in der Melone

Gehören Sie auch zu jenen, welchen die Ausgangsbeschränkungen ziemlich am Sack gegangen sind? Ich frag deswegen, weil ich mir das so schwer vorstellen kann. Mir haben die fast nix ausgemacht. Nicht nur, weil ich auf einmal keine blöden Ausreden mehr erfinden musste, um Leute nicht treffen zu können, die ich eh nicht sehen will, sondern auch, weil ich wusste, dass die gesamte räudige Konkurrenz grad nicht trainieren kann. Obwohl, da sind wir schon bei dem einen Punkt, der mich ein wenig gemagerlt hat. Trainiert hab ich ja oft mit dem Werner Jessner.

Runde um Runde haben wir uns im Winter, in einer Halle, in gnadenlosen Zweikämpfen, gegenseitig die Lenkerenden in die Speichen zu hauen probiert. Und auf einmal haben mir die Duelle und die Flucherein mit und vom Jessner gefehlt. 

Die anderen Buben hab ich ja zumindest gehört, oder von ihnen gelesen, den Wolf-Dieter Grabner, der arme Hund, der mich immer fotografieren muss, getroffen, und sogar unserem Redaktions-Navy-Seal, dem Lentsch, bin ich übern Weg gerennt – was er mit Jessner-ähnlichen Flüchen kommentierte. Gleich wieder Herzschmerz. Wie der Jessner. Doch der ist von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche verschwunden.

Sie sind mit ihrem Liebeskummer während der Ausgangsbeschränkungen sicher voll professionell umgegangen, haben am Moped gezangelt, mit den Kindern das kleine Einmal-Eins gelernt und bei gleichschenkeligen Dreiecken einen dreckigen Grinser im Gesicht gehabt. Ich hingegen bekam schon beim Blick in den Spiegel glasige Augen. Weil nach so langer Zeit ohne Friseur, hab ich auch noch angefangen dem Jessner immer ähnlicher zu sehen. 

Ich brauchte also eine Ablenkung. Und eine solche kann selbstverständlich immer nur ein Motorrad sein. Am besten eine Trial, wenn man alleine trainieren will. Obwohl, auf der Straße sollte man halt auch – und dann noch kommod – fahren können. Bei der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau wurde ich nicht nur fündig, sondern erhielt als Bonusmaterial auch noch Historie und Charme. Royal Enfield Bullet Trials 500. Das passt zu einem alten Herrn wie mir, auch wenn ich es maximal auf Scharm bringe, die steirische Variante des Bezauberns. Die Trials 500 ist der 350 cc Bullet Trial aus 1848 nachempfunden, mit der Johnny Brittain es damals zu Weltruhm schaffte.

Weltruhm würde mir ja auch nicht schlecht stehen, denk ich mir. Und wieder krieg ich glasige Augen. Nicht nur, weil die Trials so schön ist, mit ihrem hinten hochgezogenen Endtopf. Nein, man darf sie auch noch ankicken. Schmacht. Man muss aber nicht. Doch wenn ich was zum Kicken hab, brauch ich keinen elektrischen Starter. Nicht einmal im Gelände. Vor dem sich diese Maschine übriges nicht scheut. 

Die 350er, seinerzeit, war das erste Serienmotorrad mit einer Schwingarmfederung. Zwei Stoßdämpfer hinten sorgten für Federung und Traktion. Solche finden sich auch an der neuen Bullet Trails. Sie wissen schon, dass es da echte Fans gibt, die sich in „Twin-Shock“-Gruppen formieren, in die man mit einem Zentralfederbein nicht einmal bis zum Türlsteher vorgelassen wird. Noch zwei Federln sind hinten unterm Sattel montiert. Eine Trail mit Charme, Historie und Sattel.

Ich war auf der Stelle – nein, nicht im siebten Himmel, sondern in Gedanken auf meinem schottischen Landgut, das ich mir einmal kaufen werde. He, wenn Trump Präsident der USA werden kann, dann gibt es ja wohl keinen Grund, warum ich es nicht zu Ländereien in Schottland schaffen sollte. Unter einem Obstbaum saß ich, nach kurzer Ausfahrt, ließ die Gedanken schweifen, und sah mich schon meine Latifundien abfahren, die Schafe zählen, ein bisserl länger bei der Destillerie einkehren. 

Dabei ist es vollkommen wurscht wie gatschig der Weg zwischen den Stationen ist, oder ob es überhaupt einen Weg gibt. Der bullige, mehr als 40 Newtonmeter stemmende, 500 Kubikzentimeter große Einzylinder und die stolligen Reifen nehmen es mit ganz Schottland auf – gut, Loch Ness und Co ausgenommen, aber es hat schon einen Grund, warum sich dort oben niemand darum kümmert, wann die Bäder oder Löcher wieder aufsperren. Dort will man auch ohne Motorrad nicht rein.

Auf den holprigen und engen Straßen wäre ich dort bestens mobil. Die 128 km/h Spitzengeschwindigkeit sind mehr als man braucht. Man will ja nicht, dass einem das Haggis aufstoßt. So sitz ich unter dem Obstbaum und träume. Ohne an den Jessner zu denken. Die längste Zeit. Doch als er mir doch wieder einfällt, denk ich nicht daran, wie ich mit ihm in einem Pub sitzen und mich um das letzte Glas Happy Chappy – ja, das müssen S’ jetzt zur Not googlen, dafür wissen Sie dann vielleicht, wo ich in Schottland am ehesten meine Zelte aufschlagen würde – streite. 

Mir fällt ein, wie er aus jeder Fahrt ein Wettrennen machen würde und mir schießt ein, dass ich trainieren müsst. Also mach ich einen Abstecher ins Gemüse, zirkel um Baumstümpfe, kämpfe mich über Auf- und Abfahrten, spiele mich mit der Royal Enfield. Oder eigentlich spielt sie sich mit mir. Weil die Grenzen zeigt sie mir auf, nicht ich ihr. Und wissen Sie was? Erst vor Kurzem bin ich draufgekommen, dass es einen Grund hat, dass der Jessner keine Zeit mehr für mich hat.

Er ist angeblich Vater geworden. Ja, ich weiß, das wäre jetzt schön von mir, würde ich ihm dazu gratulieren. Aber eigentlich keimt in mir jetzt ein anderer Verdacht. Der Hundlind könnt eine Buhlschaft und mich nicht mehr richtig lieb haben.

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