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Christoph Lentsch
Autor: Mag. (FH) Christoph Lentsch
christoph.lentsch@motorrad-magazin.at
30.11.2020

Ducati Multistrada V4 TestRasen mit Radar

Es wird viel zu viel über Elektronik geredet, vor allem bei den vollbestückten Reiseenduros. Das war bei der unter strengen Corona-Auflagen abgehaltenen Multistrada-V4-Präsentation nicht anders. Diesmal standen allerdings nicht die bekannten Fahrhilfen a.k.a. Safety Pack, bestehend aus Kurven-ABS, Ducati Traction Control, Ducati Wheelie Control, oder die Riding Modes Sport, Touring, Urban und Enduro im Fokus, sondern die von zwei Radar-Einheiten gesteuerten Funktionen „Abstandstempomat“ und „Toter-Winkel-Assistent“.

Wir wollen uns dazu kurz halten und die Frage klären: Wie funktioniert der Abstandstempomat? Der in vier Weiten verstellbare Abstandstempomat, aktivierbar bis 160 km/h, funktionierte sehr gut und so, wie wir das erwartet haben. Er verzögert im Vergleich zu einem Auto sachte und überläßt dem Fahrer daher mehr an Verantwortung, rechtzeitig vor dem zu bremsen, bevor man in die Ladebordwand köpfelt. Der Toter-Winkel-Assistent, der über gelbe, in der Intensität verstellbare Lichter an den Spiegeln vor in diesen nicht sichtbaren Fahrzeugen warnt, ist ein good-to-have Sicherheitsfeature, das bei stärkerem Verkehrsaufkommen nerven kann. Besonders beim Fahren in der Gruppe wird man ihn wohl lieber abschalten.

Ebenfalls nur schnell erwähnt seien die drei Modellvarianten Multistrada V4, Multistrada V4S und Multistrada V4S Sport, die mit unterschiedlichen Austattungs- und Zubehörpaketen weiter aufgerüstet werden können. Die Auswahl ist so groß, dass sich der österreichische Importeur entschlossen hat, nicht alle Varianten ins Land zu holen. Hier gibt es mehr Infos zur Multistrada V4 Modellfamilie.

Und jetzt zu den wirklich entscheidenden Eingriffen bei Ducatis Reiseenduro-Flaggschiff. Mit einem neuen Motor, dem Granturismo V4, neuem Fahrwerk, neuen Bremsen, neuer Geometrie und neuer Aerodynamik kann man von einer völlig neuen Multistrada-Generation reden, die dem ersten Eindruck nach alles besser kann als die alte. Der Desmo-lose V4 ist ungleich reisetauglicher, trotzdem antrittsstark und drehfreudig, ohne beim Hochdrehen unangenehme Vibrationen oder ein ohrenbetäubendes Gekreische zu entwickeln, im Gegenteil.

Bleibt man lange genug am Gas und wechselt erst zu Beginn des fünfstelligen Drehzahlbereichs den Gang, wird man mit dem typischen V4-Sound belohnt, der an die MotoGP erinnert. Zwar spricht Ducati durch den Effekt des 270-Grad-Kurbelwellenversatzes vom „Twin Pulse“, der an einen V2 erinnern soll, aber wir sind froh, dass der Granturismo doch mehr nach V4 klingt.

Der Schaltautomat funktioniert nun ebenfalls viel besser, schneller und geschmeidiger als mit dem riesigen V2. Er bleibt, wie vieles andere auch, nur den S-Modellen vorbehalten. Die Standard-Multi muss auf die neuen 330er-Scheiben mit Brembo-Stylema-Zangen verzichten, auf das Kurvenlicht,  den Funkschlüssel, das 6,5-Zoll-TFT-Display mit Connectivity und die beleuchteten Schaltereinheiten. Trotzdem muss man für sie in Österreich bereits 21.695 Euro auf den Tisch blättern. Ein happiger Einstiegspreis.

Im Sattel des trocken 217 Kilo schweren Globetrotters, der angeblich nur alle 60.000 Kilometer ein Ventilservice nötig hat, fühlt man sich gleich wohler, weil die Bewegungsfreiheit verbessert und Sitzform und -Polsterung verbessert wurden. Auf der alten fühlte man sich immer wie festgeschnallt.

Ein neuer einhändig verstellbarer Windschild und eine grundlegeng überarbeitete Aerodynamik, die vor allem an den Seitenverkleidungen evident wird, verbessern nicht nur den Fahrkomfort und das Klima für den Fahrer, sondern erhöhen auch die Stabilität bei flotter Fahrt. Das ausgeklükelte System erinnert an die Diffusoren von Supersportwagen - oder an Millefeuille. Sogar das bewegliche Koffersystem trägt zur Laufruhe der Multi bei und last but not least natürlich auch das 19-Zoll-Vorderrad. Mutige erreichten bei der Testfahrt auf der Autobahn inoffizielle 250 km/h.

Die Reisequalitäten der Multistrada wurden also rundum deutlich verbessert, aber keine Sorge – auch die sportlichen. Mit der erneuten Leistungssteigerung auf nunmehr 170 PS geht ein Upgrade der Bremsen in Form zweier 330er-Scheiben und Brembo-Stylema-Bremszangen vorne, wie sie auch auf den Supersportlern eingesetzt werden, einher. Das Fahrwerk liefert Marzocchi (50-mm-USD-Gabel), mechanisch bei der Standard-V4, elektronisch bei den S-Modellen. Auch Letzteres hat auf den teil sehr holprigen Straßen überzeugt. Die Schräglagenfreiheit ist übrigens so groß, dass man die Fußrasten kaum auf den Asphalt bekommt.

 

Preise Ducati Multistrada V4 Österreich:

  • V4 (Standard): 21.695 Euro
  • V4 S Basis: 24.995 Euro
  • V4 S Touring: 26.695 Euro
  • V4 S Touring-Radar: 27.595 Euro
  • V4 S Performance: 26.595 Euro
  • V4 S Touring-Full: 28.995 Euro
  • V4S Sport Performance: 26.995 Euro
  • V4S Sport Full: 29.495 Euro

Das Radar-System mit Abstands-Tempomaten und Blind-Sport-Warnung ist in den Modellen V4 S Touring-Radar, V4 S Touring-Full und V4S Sport Full enthalten. 
Option
 Kreuzspeichenfelgen +700 Euro (bei Standard V4 nicht möglich)

Am Lenker finden wir zwar jetzt noch mehr Schaltereinheiten und einen neuen Joystick, im Menü – übersichtlich dargestellt am 6,5-Zoll-Bildschirm – findet man sich aber nach wie vor sehr gut zurecht. Durch die Connectivity ist es fortan möglich, sich die Navigationskarte formatfüllend anzeigen zu lassen. Bei uns hat die Anzeige störungsfrei funktioniert, ein Kollege hatte kurz einen Blackscreen. Was allerdings alle Teilnehmer am Bildschirm hatten war ein recht hoher Durchschnittsverbrauch. Niemand blieb unter 8,5 Liter, der Höchstwert lag bei 10,5 Litern. Der V4 scheint also ordentlich Durst zu haben.

Obwohl die Sitzheizung bei unseren Vorserienmodellen noch nicht einsatzfähig war, ist es mühsam, derartige Zusatzfunktionen über das Menü steuern zu müssen. Hier würden wir uns eigene Schaltereinheiten für Fahrer und Beifahrer wünschen. Ob der V4 übrigens ordentlich den Hintern heizt, können wir nach der Testfahrt bei kühlen Temperaturen noch nicht sagen. Ducati verspricht nämlich, dass dieses Problem bei der neuen Multi nicht mehr besteht. Wir werden es im Sommer nachprüfen.

Wie bereits angedeutet begeisterte die Multi mit ihrer hohen Stabilität. Der 19-Zöller vorne hat zwar Auswirkungen auf das Handling, die negativen Effekte wurden aber durch einen kürzeren Radstand und einen steileren Lenkkopfwinkel teilweise wettgemacht. Die Änderung hat gerade auf so einem Motorrad aber sicher mehr Vor- als Nachteile, denn viele der aktuellen Reiseenduros sind ohnehin schon zu radikal und nervös ausgelegt.

Die neue Multistrada V4 markiert eine gänzlich neue Generation, die fast alle Schwächen der alten hinter sich lässt. Es wird spannend, zu sehen, was KTM 2021 auf die Räder stellt und wie die Multistrada V4 im Vergleich zur 1290 Super Duke abschneiden wird.

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Reiseenduro/Adventure:

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