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Markus Reithofer
Autor: Markus Reithofer
markus.reithofer@motorrad-magazin.at
19.7.2022

Kawasaki Z900RS SE TestGoldmund

„Eine Kawasaki-Präsentation in der Schweiz?! Das ist jetzt aber ein Scherz, oder?“ Nachdem mich der Chefredakteur vom Gegenteil überzeugt hatte, stellte ich mir sofort eine Szene vor, bei der ich irgendwo in den Schweizer Bergen von einem Polizisten mit einer Laserpistole und den Worten gestellt werde „Wenn hier 81 km/h erlaubt wären, dann wäre auf dem Schild dort hinten die Zahl 81, und nicht 80 gestanden. Das macht 100 Franken. Nein, Ihre Euros können Sie behalten.“

Das sind natürlich üble Vorurteile. Aber wenn ich mich daran erinnere, was unsere Kollegen von Schweizer Motorradzeitschriften in Bezug auf die Einhaltung der Geschwindigkeitslimits und die Kosten ihrer Übertretung berichten („Wenn du bei uns so fährst wie in Österreich, kannst du Konkurs anmelden“), sind sie nicht weit her geholt.

Also 80 km/h Topspeed. Auch gut. Die Z900RS SE ist ja ein unverkleidetes Motorrad mit aufrechter Sitzhaltung und dickem Drehmoment im unteren Drehzahlbereich. Außerdem haben wir Mitte Mai, die Kühe weiden auf den Almen und die pittoreske Landschaft verdient angemessene Aufmerksamkeit.

Dieser entspannte Zugang ist auf dem Sondermodell SE der seit fünf Jahren gut eingeführten Neunhunderter nicht schwer. Die Sitzbank ist bequem, der Lenker breit und angenehm hoch und der Kniewinkel nicht zu spitz. Die SE fällt auf den ersten Blick mit ihrer „Yellow Ball“-Lackierung auf, die an die Z 1 der frühen 1970er erinnert und gut mit der gelben Feder und der gold eloxierten Vorspannungsverstellung ihres exklusiven Öhlins-Federbeins harmoniert.

Die 41-Millimeter-USD-Gabel entspricht technisch dem Standardmodell der RS, ist bei der SE aber ebenfalls gold eloxiert. Eine klare Aufwertung sind auch die Brembo M4.32 Monobloc-Bremszangen und der Radialpumpen-Hauptzylinder der Vorderradbremse. Trotz der Schweizer 80-km/h-Beschränkung merkt man rasch, dass Druckpunkt, Bremsgefühl und Linearität des Ansprechverhaltens klar über dem Niveau der normalen RS liegen.

Auf den von strengen Wintern gezeichneten und kurvenreichen Alpenstraßen westlich von Zürich nimmt man auch das deutlich feinfühligere Dämpfungsverhalten des Öhlins-Federbeins mit Freude zur Kenntnis. Dass die SE besser bremst und liegt als die Standard-RS, nimmt man auf diesem Motorrad nicht so sehr als sportliche Attitüde, sondern eher als Komfortmerkmal und Sicherheitsreserve wahr.

Sie fährt sich einfach runder, harmonischer und transparenter und vermittelt eine direktere Verbindung zwischen Fahrer, Motorrad und Straße, ohne deshalb „härter“ zu sein. Eben genau das, was man von einem guten Fahrwerk erwartet.

Kaum zu glauben, dass dieses Motorrad eine optisch wirklich gelungene Neuinterpretation der vor einem halben Jahrhundert erschienenen Legende Z 1 ist, die damals der Inbegriff kompromissloser Sportlichkeit und infernalischer Leistung war. Und das, obwohl die heute eher in die Kategorie „zeitlose Klassik“ passende Z900RS SE leichter ist, wesentlich besser liegt und bremst und trotz ihres entschärften Motors um 32 PS mehr Leistung hat als das Original. Aber fünf Jahrzehnte Motorradentwicklung gehen eben nicht spurlos an einer Marke vorbei.

8500 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute genügen dem 948 Kubikzentimeter Hubraum großen Vierzylinder, um seine 111 PS Spitzenleistung zu erreichen. Dass die Gashand nicht besonders bemüht werden muss, liegt auch an dem schon bei 6500 Touren anliegenden Drehmoment von 98,5 Newtonmeter.

Fun Fact: Das sind fast exakt die Werte der legendären Kawasaki Z 750 Turbo aus dem Jahr 1983, die wie die gut ein Jahrzehnt davor erschienene Z 1 als Performance-Maßstab ihrer Ära gilt. So ändern sich die Zeiten: Heute finden wir eine derartige Leistung  in einem entspannten „Let the good times roll“-Bike wieder.

Dass wir hier so viel über die Kawasaki-Geschichte erzählen, liegt am 50-jährigen Jubiläum der Z-Reihe, die nicht nur das Team Green, sondern die Motorradwelt als Ganzes nachhaltig beeinflusst hat. Das SE-Modell der Z900RS ist daher als optisch verfeinertes und technisch deutlich hochwertigeres Tribut an die Z1 zu verstehen.

Zusätzlich gibt es das Jubiläumsmodell „50th Anniversary“, das sich aber nur mit ihrer Lackierung samt Schriftzug, Sitzbank und Haltebügel von der Standard-RS unterscheidet (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Kawasaki hat bei der RS – erstmalig in der Firmengeschichte – aktiv am Sounddesign gearbeitet und die akustischen Lebenszeichen des Vierzylinders noch weiter in den entspannten Frequenzbereich des Lebens verlagert. Wesentlich daran beteiligt ist die aufwändig doppelwandig gefertigte Auspuffanlage. Ein schöner Nebeneffekt zeigt sich an den polierten Krümmern aus Edelstahl: Da auch diese nach dem Prinzip Rohr-im-Rohr gearbeitet sind, bleiben die Außenwände besser gekühlt und verfärben sich dadurch nicht.

Ein im Alltag überaus praktisches Detail ist neben der Assist- und Rutschkupplung die Mechanik zum leichteren Einlegen des Leerlaufs. Tatsächlich ist es auch im Jahr 2022 bei erstaunlich vielen Motorrädern nicht selbstverständlich, beim Stehenbleiben problemlos den Leerlauf zu finden. Kawasaki hat dafür eine patentierte Lösung, die verhindert, dass im Stillstand versehentlich vom ersten gleich in den zweiten Gang geschaltet wird. Vor allem im Stadtverkehr ist das ein enormes Komfort-Plus.

Selten konnten wir uns über ein Motorrad so kritikfrei freuen, wie über die Z900RS SE, aber natürlich bleibt eine letzte Hürde: Mit 14.999 Euro platziert sie Kawasaki um 1700 Euro über dem Standard-Modell, was in dieser Klasse schon recht ambitioniert ist. Keine Frage, dass sie schöner und technisch besser ausgestattet ist, was sich nicht zuletzt auf den Wiederverkaufswert auswirken sollte.

Wir würden uns jedenfalls für diesen kleinen Luxus entscheiden, wenn auch nicht, ohne vor der Kaufentscheidung noch eine Probefahrt mit dem Sport-Pendant Z900 SE gemacht zu haben …

50TH ANNIVERSARY

Kawasaki feiert das 50-jährige Jubiläum der Z 1-Vorstellung mit vier Sondermodellen. Die klassischen RS-Modelle sind mit aufwändigen Mehrschichtlackierungen inklusive "Z50th"-Logo ausgestattet und kommen mit einem texturierten Sitzbankbezug und verchromten Haltebügel für den Sozius. Die sportlichen Z-Modelle kommen mit der Farbe „Firecracker Red“ aus den frühen 1980er-Jahren, "Z50th"-Logo, roten Felgen und einem speziellen Sitzbankbezug zu den Händlern. Die Z900 hat zusätzlich gold eloxierte Gabelstandrohre.

Preise Österreich:

  • Z650RS 50th Anniversary: 9199,-
  • Z900RS 50th Anniversary: 13.599,-
  • Z650 50th Anniversary: 8199,-
  • Z900 50th Anniversary: 11.399,-

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